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Professor Ulrich Stangier ist Leiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität Frankfurt. Foto: meli
16. April 2020 

Corona: „Zu viel Wissen kann Stress verursachen“

Das Interview mit Psychologe Prof. Ulrich Stangier

FRANKFURT, April 2020 (meli), Die soziale Isolation in der Corona-Krise kann sehr belastend sein. Menschen sind gestresst, haben Ängste oder fühlen sich einsam, sagt Stangier. Deshalb hat er am Zentrum für Psychotherapie der Uni Frankfurt eine Corona-Krisenberatung eingerichtet.

Seit dem 30. März ist das Corona-Krisentelefon der Frankfurter Goethe-Universität geschaltet. Mit dem kostenlosen Angebot will man Menschen helfen, die Rat suchen, um mit der belastenden Situation besser umgehen zu können, sagt Professor Ulrich Stangier, Abteilungsleiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Uni.

Die Erfahrungen nach einer Woche zeigen, dass dort überwiegend Frauen zwischen 25 und 84 Jahren anrufen und vor allem Ängste schildern, sich und andere aus der Familie anzustecken. „Das sind teilweise auch Ängste, wie es sein wird, wenn ich infiziert bin und ins Krankenhaus komme und muss dann vielleicht alleine sterben, weil niemand zu mir darf“, sagt Stangier. Man sehe, dass Fantasien im Kopf entstünden, „die dann eine eigene Dynamik entwickeln und Personen auch ganz überwältigen können, sodass sie sich gar nicht mehr befreien können von diesen Ängsten.“

Interview mit Ulrich Stangier: https://www.hr-inforadio.de/podcast/das-interview/ulrich-stangier—leiter-der-klinischen-psychologie-und-psychotherapie-an-der-goethe-uni-,podcast-episode-67634~_story-das-interview-psychologe-ulrich-stangier-102.html

Belastung für Alleinstehende

Viele Menschen rufen auch an, weil sie sich einsam fühlen, erzählt Stangier. Gerade Alleinstehende erleben „diesen Shutdown persönlich als ein Abgeschnitten sein von allen anderen“, sagt der Frankfurter Psychologe, Angst- und Depressionsforscher. Wenn dann zum Beispiel bei Selbständigen noch wirtschaftliche Probleme dazu kommen oder der Job gekündigt wird, dann seien die negativen Gedanken gar nicht mehr kontrollierbar: „Es entsteht ein pausenloses Grübeln darüber, und das kann natürlich die Stimmung sehr stark beeinträchtigen, sodass ich davon ausgehe, dass mehr Menschen im Augenblick depressive Verstimmungen erleben.“ Diese Stimmungen würden sich bei denen, die schon vor Corona psychische Probleme gehabt hätten, noch mehr verstärken.

Psychologische Studien hätten außerdem belegt, dass Menschen, die komplett abgeschirmt seien von der Außenwelt, vielfältige Probleme zeigten: „Von Wahrnehmungsstörungen über starke Ängste bis hin zu Aggressionen oder auch Depressionen. Für viele Menschen ist das ein sehr großer Stress jetzt, auch wenn es natürlich keine komplette Isolation ist.“ So schlimm dieser Ausnahmezustand für viele Menschen auch sei, für ihn als Uni-Professor und Forscher sei diese Zeit spannend und wichtig. Die Wissenschaft könne sehr viele Erkenntnisse sammeln, „wie eben so eine gemeinschaftliche Belastung verarbeitet wird und wie groß auch die Unterschiede sind.“ Manche Menschen gingen auch sehr gelassen mit der Situation um.

Deshalb möchte Stangier jetzt in einer Studie an der Goethe-Universität erforschen, welche Rolle bei den unterschiedlichen emotionalen Reaktionen das Wissen über Corona spielt. Denn diese Frage sei bislang noch nicht untersucht worden. Die Teilnahme an der Online-Befragung „Angst vor Corona“ ist freiwillig und anonym und jeder, der Interesse hat, kann daran teilnehmen.

Nicht zu viel und nicht zu wenig Wissen

Wissen über das neuartige Virus sei eine wichtige Ressource, mit der man sich schützen könne vor Gefahren und Bedrohungen, sagt Ulrich Stangier. Ein Zuviel an Informationen könne aber dazu führen, „dass unser Leben nur noch aus Corona besteht und das kann für den einzelnen auch bedeuten, dass das ganze Leben sich enorm einschränkt und jeder einen Tunnelblick bekommt und die Aufmerksamkeit für die eigene Gesundheit verstärkt wird. Dann entsteht ein Teufelskreislauf, wo hypochondrische Ängste im Grunde genommen auch zunehmen.“

Hinzu kommt, dass viele kursierende Fake News zu einer Verunsicherung beitragen. Die Online-Studie läuft grade, noch liegen zum Thema Wissen und Umgang mit Corona keine Ergebnisse vor. Aber eine mögliche Hypothese könnte laut Stangier sein, dass nicht zu viel und auch nicht zu wenig Wissen, sondern ein mittlerer Grad an Wissen möglicherweise die am wenigsten belastende Form des Umgangs mit dem Virus ist. Der Psychologie-Professor fasst das so zusammen: „Zu viel Wissen kann Stress verursachen und zu hohe Aufmerksamkeit für die Bedrohung erzeugen. Zu wenig Wissen kann dazu führen, dass die Bedrohung unkontrollierbar erscheint.“

Rituale können helfen

Neben einem gut dosierten Maß an Wissen zum Thema Corona können auch Rituale helfen, die psychischen Belastungen der Krise besser zu bewältigen. Musizieren und Singen gegen den „Corona-Blues“ ist ein Beispiel. In den letzten Wochen und Tagen gab es in ganz Deutschland Balkonkonzerte und Musikflashmobs. Die Menschen haben auch nach italienischem Vorbild zusammen gesungen an Fenstern und auf Balkonen – gegen die Einsamkeit und um sich gegenseitig Mut zu machen. Das ist für viele Menschen zu einem Ritual in der Krise geworden. Auch für Ostersonntag haben Kirchenmusiker einen sogenannten „Auferstehungsflashmob“ mit Trompeten und Posaunen von Balkons und Fenstern herab geplant, wo jeder mitmachen kann.

„Hier geht es um die Demonstration, dass man trotz dieser Widrigkeiten etwas Neues und Schönes beginnen kann“, sagt Stangier. „Ich glaube schon, dass das hilfreich ist und dass es vielen hilft, nicht zu versinken in eine demoralisierte Stimmung.“ Außerdem sei es wichtig, den normalen Tagesablauf beizubehalten, morgens aufzustehen und abends ins Bett zu gehen so wie immer.

Ein weiterer Tipp des Psychologen: aktiv bleiben, zum Beispiel in die Natur gehen, Sport treiben oder den eigenen Hobbys nachgehen. Er selbst habe mit seinen beiden Töchtern das Spazierengehen im Frankfurter Stadtwald (wieder) entdeckt. Der Psychologe rät auch, die Kontakte, die man hat, per Telefon oder Videochat aufrecht zu erhalten, um so zumindest einen Teil der Kontaktbeschränkungen zu kompensieren.

Hier geht´s zum Podcast: https://www.hr-inforadio.de/podcast/aktuell/von-der-schoenheit-des-spazierengehens,podcast-episode-67608~_story-das-interview-psychologe-ulrich-stangier-102.html