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Bunte Vielfalt von regionalen Streuobstwiesen. Nach dem Waschen geht es ab in die Kelter. Foto: pes
05. November 2019 

Flüssiges Gold aus Ober-Beerbach

Verschönerungsverein kelterte wieder frischen Apfelmost

OBER-BEERBACH, November 2019 (pes), Es war nass an diesem 5. Oktober. In der Nacht auf den Samstag hatte es heftig geregnet. Auf dem Gelände der Firma Heß Natursteine in Ober-Beerbach musste man aufpassen, dass man nicht auf dem Hosenboden landete. Wahrscheinlich wäre man in geschredderten Äpfeln gelandet. Denn auch in diesem Jahr hat der Verschönerungsverein zum traditionellen Keltern eingeladen. Und zwar auf die klassische Art.

Insgesamt waren über 30 Mitglieder im Einsatz. Zwischen 20 und 80 Jahren alt. Lesen, Maischen, Keltern. Und natürlich auch Probieren. Die Äpfel stammten alle von umliegenden Streuobstwiesen. Es war also ein durch und durch regionales Produkt, was da auch der Presse lief. „Letztes Jahr kamen wir auf rund 1500 Liter. Das könnten diesmal ähnlich ausfallen“, so ein gut gelaunter Zweiter Vorsitzende Walter Hess. Das Ergebnis konnte sich schmecken lassen: fruchtig, naturrein und hoch aromatisch. Reine Handarbeit. Selbst der Tresterkuchen, die festen Überbleibsel nach dem Abpressen des Saftes, sah zum Anbeißen aus. Doch die Vereinsmitglieder winken ab: Lieber nicht! Soll eher sauer schmecken.

Die Aktion ist ein örtliches Gemeinschaftsprojekt. Wer will, hilft mit oder schaut zu. Vor allem junge Gäste heißt der Verein besonders willkommen. „Hier kann man hautnah erleben, wie Apfelsaft traditionell hergestellt wird“, so Hess beim Durchsichten der Ernte, die zunächst in einem großen Container gewaschen wird, bevor es in die Obstpresse geht. Stopp! Zuerst muss die rot-grüne Rohware in der Mühle in kleine, nicht zu kleine Stücke gehäckselt werden. „Es darf kein Mus herauskommen“, so ein Helfer.

Erst danach kommt die Maische in eine rein manuelle Presse. Dann heißt es, Ärmel hochkrempeln und kräftig, aber gleichmäßig am Druckhebel drehen, bis der ganze Saft herausgepresst ist. Durch das schonende Verfahren per Hand gelangen alle wertvollen Stoffe aus dem Apfel in den Auffangbehälter.

Für den VV Ober-Beerbach ist die Aktion neben seinen traditionellen Aufgaben wie der Brauchtumspflege und den Aktivitäten im Natur-, Umwelt- und Vogelschutz ein beliebter Termin im Jahreskalender. Und der Vorstand freut sich, dass seine Projekte zunehmend auch wieder von Jüngeren besucht werden. Zum Beispiel die Wanderung am 1. Mai. Unter den knapp 100 Beteiligten seien „bestimmt 20 Kinder und Jugendliche“ gewesen, so Walter Hess, der Sohn des Vereinsgründers Jakob Hess. In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Mitgliederzahl nochmals um rund 30 auf heute 190 gesteigert. Eine positive Entwicklung, von der ähnliche Vereine nur träumen können.

2007 wurde das 50. Jubiläum gefeiert. Gegründet hatte sich der Verein anlässlich des damaligen Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“, der heute „Unser Dorf hat Zukunft“ heißt. Seither ist viel passiert. Unter anderem wurde der Weg „Baum des Jahres“ angelegt und die Freizeitanlage „Am Sauteich“ weiter entwickelt. Darüber hinaus pflegt der Verein eine Streuobstwiese und sorgt dafür, dass Wanderer auf 60 Ruhebänken rund ums Dorf die Landschaft genießen können. Aktiv sein statt nur darüber zu reden, lautet das Credo. Regelmäßig treffen sich die Aktiven am Vereinsheim „Jakobshütte“, um anstehende Aufgaben und Projekte zu besprechen.

An der Erbacher Straße wurden an diesem Tag noch ganz viele Äpfel gewaschen, geschnitten und gepresst. Eine tolle Aktion, die auch für Kinder interessant ist, die Apfelsaft meistens nur aus der Packung kennen. „Der schmeckt natürlich, und natürlich immer ein bisschen anders“, meint ein Helfer an der Kelter angesichts der Sortenvielfalt der heimischen Streuobstwiesen und Apfelbäume. Die reifen Früchte bringen hocharomatischen Saft. Flüssiges Gold aus Ober-Beerbach.