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Medienzirkus einer Patchwork-Familie - Melibokus Rundblick

Kreis Bergstrasse

Die Lochmanns - eine Familie des öffentlichen Lebens. Unser Foto zeigt (v.li.) René Lochmann, Ehefrau Theresa Weber mit Kindermädchen Isabell und den beiden jüngsten Töchtern Ann-Sophie und Bella.
29. September 2019 

Medienzirkus einer Patchwork-Familie

Persönlich: Über das öffentliche Leben von Familie Lochmann aus Lorsch

LORSCH, September 2019 (tri), Wohnhaft in Lorsch. Zuhause im Netz. Das Leben von Familie Lochmann spielt sich auf vielen Kanälen ab. Zum einen als ganz reale Patchwork-Familie mit fünf Kindern vom Kleinkind bis zum Teenager. Zum anderen aber auch als Familienunternehmen mit permanenter Medienpräsenz. Kameras und Mikrofone gehören zum Alltag wie Kinderwagen, Wickeltisch und Babysitter. Sie selbst bezeichnen sich als „Familie des öffentlichen Lebens“. Die Lochmanns haben ihr Familienmodell entprivatisiert und der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Immer online, kaum auf stand-by.

In einer kurzen Drehpause treffen wir die Lochmanns in einem schattigen Café am Lorscher Rathaus. Sie wirken entspannt und unaufgeregt – und anders, wie man sich eine Familie vorstellen würde, die ihr gesamtes Leben auf Fernsehen und Internet ausgerichtet hat. Von der Hausgeburt der Tochter Bella Jasmin im letzten Jahr (40.000 Aufrufe auf YouTube) über den Test des neuen Küchenmixers bis hin zu fundamentalen Erziehungsfragen. Bei Lochmanns passiert kaum etwas, dass der User nicht kurze Zeit später noch einmal miterleben kann. Ein Leben im Live-Modus. „Keiner von uns ist kamerascheu. Daraus haben wir Konsequenzen gezogen“, so Vater René (41), der wie seine Frau Theresa, Jahrgang 1985, einen therapeutischen Hintergrund hat. Er als Paar- und Familientherapeut, sie als Heilpraktikerin. Die Sprache der Lochmanns heißt barrierefreie Kommunikation. Gemeinsam haben sie das System Familie aus allen Perspektiven beleuchtet, analysiert und therapiert. Mit sich selbst als beispielhaftes Rollenmodell. Eigene biografische Wege inklusive.

2018 erfolgte der Entschluss, die persönlichen Erfahrungen öffentlich zur Verfügung zu stellen. In Lorsch lebt das Paar das sogenannte Wechselmodell: seine drei Kinder aus erster Ehe sind keine Wochenend-Visiten, sondern integrierter Teil des Familienlebens. Neben Kim (17), Maya (9) und David Lochmann (7) gehört auch das gemeinsame Kind Ann-Sophie (2) zur Familie. Vor einem Jahr im Juni wurde Bella geboren – zu sehen bei „Hebammen im Einsatz“ auf RTL. Mit dieser Sendung wurde alles anders.

„Als wir mit Bella schwanger waren, wollten wir unsere Geschichte erzählen“, so René Lochmann, der vor 15 Jahren von der Ostsee an die Bergstraße gezogen war und mehrere berufliche wie familiäre Neustarts erlebt hat. Erfahrungen, die er als Portfolio für eine mediale Präsenz nutzen und weiter verbreiten will. Beim Treffen in Lorsch, wo auch Großmutter Regina (64) und das Kindermädchen Isabell (14) dabei sind, betont Lochmann: „In Deutschland wird leider nicht so offen mit Therapien umgegangen, wie dies in anderen Ländern der Fall ist. Dies wollten wir ändern.“ Deshalb sind die beiden zu den Menschen gegangen, direkt in die Familie hinein, wo auch die Hemmschwelle aufgrund des gewohnten Umfelds nicht so hoch sei wie in der Praxis. Die positiven Erfahrungen wurden über die sozialen Netzwerke kommuniziert, die Aktion immer bekannter.

Schon bald waren René Lochmann und Theresa Weber bundesweit aktiv. Um Paaren Tipps und Tricks an die Hand geben zu können, wurde ein eigener YouTube-Kanal aufgebaut. Das war 2016. Zwei Jahre später kam durch Zufall – die Suche nach einer Hebamme – der Sender RTL ins Spiel. Bei der Sendung MAMA SPA in Stuttgart war eine Familie ausgefallen – und da der Kanal viel Interesse am Familienmodell der Lochmanns hatte, wurden diese angefragt. „Wir haben von Anfang an gute Erfahrungen gemacht“, so der Vater.

Ob ARD, RTL, Sat1 oder VOX: Auf nahezu jedem Fernsehsender sind die Lochmanns seither zu sehen. Die Familie steckt voll in der Medien-Maschine. Ein Leben im Fokus der Öffentlichkeit. In den letzten fünf Monaten wurde aus dem recht spontanen Einstieg eine neue Leidenschaft. „Es ist jetzt unser Ding“, so René Lochmann. Weil man nicht an einen bestimmten Sender gebunden ist (noch nicht!), können sich die Familienmitglieder frei im TV bewegen. Für das RTL-Magazin „extra“ hat René eine Fitness-App getestet, für „Mein Kind, Dein Kind“ (VOX) haben er und Ann-Sophie an einem Erziehungsvergleich teilgenommen. Den Zuschauern der Sat1-Reportage „Kassensturz“ zeigten die Lochmanns, wie eine Großfamilie finanziell über die Runden kommt. Hinzu kommen diverse Gastrollen – unter anderem im Ludwigshafener „Tatort“ oder in den Spielfilmen „Billy Kuckuck“ sowie „Heidelberg Hotel“ (beide ARD).

Ann-Sophie avancierte bei „Mein Kind, Dein Kind“ sogar zu einem kleinen Fernsehstar: Die damals Eineinhalbjährige wurde kurz darauf zu Dreharbeiten für die RTL-Serie „Der Lehrer“ eingeladen. Danach stand sie für den dritten Block der siebten Staffel in Köln vor der Kamera. Ann-Sophie spielt das Kind der Hauptdarsteller und ist an neun von 22 Drehtagen dabei, berichtet der Papa, der betont: „Das Wohl der Kinder hat immer Priorität. Anfragen werden nur angenommen, wenn wir merken, dass es passt!“

Im Medienzirkus sei für jeden etwas dabei. Die Lochmanns treten in unterschiedlichen Kombinationen auf. Gerade diese Flexibilität macht sie für die Produktionsfirmen so interessant. Zum Beispiel für Formate, in denen Produkte getestet werden. Kinderwägen, Haushaltsgeräte oder was auch immer. Die Lochmanns lassen sich dabei filmen und erläutern die Vor- und Nachteile. Viel Geld verdiene man dabei nicht, sagen sie. Aber das meiste, was sie testen oder besprechen, dürfen sie hinterher behalten. Werkverträge und Testimonials (Fürsprachen für Produkte oder Dienstleistungen) machen´s möglich. „Die Ausgaben haben sich enorm reduziert“, so Rene´, der mit seinem Clan nun die nächste Stufe in Angriff nimmt: auch dabei geht es ums Abnabeln von „geordneten“ Verhältnissen. Das Lorscher Haus soll verkauft und das Geld als Puffer für eigene Projekte angelegt werden. Mit der Entschlackung hat die Familie bereits begonnen.

Als erste deutsche Großfamilie will man in ein Mini-Haus auf Rädern umziehen und dort mindestens zwölf Monate auf rund 50 Quadratmetern miteinander leben. Ein nötiger legaler Stellplatz für das „Tiny House“, wie die Wohnalternativen aus den USA heißen, ist aber noch nicht gefunden. Die Lochmanns haben bereits in den Kommunen Bensheim, Lorsch und Einhausen angefragt. Aber auch andere Standorte an der Bergstraße seien im Visier. René Lochmann will die Städte und Gemeinden nicht nur für dieses neue Lebensmodell interessieren, sondern auch deren Blick für die mediale Aufmerksamkeit schärfen, die eine Doku-Soap in ihrer Kommune erzeugen würde. „Ein Medien-Hype würde Hotellerie, Gastronomie und Fremdenverkehr sicher nicht schaden“, sagt er augenzwinkernd. Auch Lorsch sei durch die öffentliche Familie Lochmann spürbar bekannter geworden.

Für die Lochmanns bedeutet dieser Schritt ein neues Abenteuer. Die Entrümpelung des Lebens ohne materiellen Ballast sei attraktiv und befreiend. „Immer einen Fluchtweg offen halten“, kommentiert der Vater die aktuelle Situation. Man habe früher stets langfristig geplant und auf Sicherheit gesetzt. Jetzt habe sich das „Freiheitsgefühl im Kopf“ durchgesetzt und die biografischen Weichen neu gestellt. „Ein Befreiungsschlag“, so der Mediendaddy, der in den nächsten Monaten zunehmend eigene Formate planen und umsetzen will. Die Kontakte zu den TV-Sendern sind ja schon vorhanden. Theresas Traum ist ein Auftritt in „Outlander“. Auch der Ludwigshafener „Tatort“ bleibt im Visier der Noch-Lorscher. Zuletzt waren sie auf SAT 1 bei den „Sparfüchsen“ zu sehen.

Um irgendwann ohne die Fernseh-Serien oder -Magazine über die Runden zu kommen, sind laut René Lochmann rund 700.000 Abonnenten in den verschiedensten Netzwerken erforderlich. Die Familie hofft, diese Zahl bis zum nächsten Jahr knacken zu können. Aktuell bespielen die Lochmanns zwölf verschiedene Kanäle. Auf Instagram haben sie knapp 45.000 Abonnenten. Auf Facebook sind es etwa 30.000.