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Die AWO in Bensheim hatte zu einem interessanten Diskussionsvortrag in ihr Sozialzentrum eingeladen.
01. Oktober 2019 

Pflege: Ein Mega-Thema

Diskussionsveranstaltung der AWO beleuchtete Probleme der Altenpflege / Politik traf auf Praxis im AWO Sozialzentrum Bensheim

BENSHEIM, Oktober 2019 (erh), Die Altenpflege in Deutschland bewegt sich am Limit. Der Anteil der älteren Menschen nimmt kontinuierlich zu. Der Bedarf an Pflegeplätzen und Pflegekräften wird in den nächsten Jahren weiter steigen. Dabei ist der Berufstand bereits heute im Dauerstress unterwegs. Eine Diskussion, zu der die Arbeiter-Wohlfahrt in ihr Sozialzentrum nach Bensheim eingeladen hatte, betrachtete die vielschichtigen Probleme der Altenpflege aus verschiedenen Perspektiven. „Pflege trifft Politik“ war die Veranstaltung überschrieben. Ziel der „Begegnung auf Augenhöhe“, wie Moderator Alexander Ludwig das Forum betitelte, war es, den Pflege-Akteuren der unterschiedlichen Ebenen einen fruchtbaren Gedankenaustausch zu ermöglichen.

Dass das Thema immer stärker auch die Lebenswelten der Bürger im Landkreis Bergstraße betreffen wird, dokumentierte Landrat Christian Engelhardt anhand von Zahlen. Aktuell sind 21,5 Prozent der Bergsträßer über 65 Jahre alt, bis zum Jahr 2030 wird diese Bevölkerungsgruppe auf 28 Prozent anwachsen: Der Pflegebedarf an der Bergstraße wird steigen. Die zunehmende Bedeutung der Altenpflege für das gesellschaftliche Zusammenleben hat der Kreis in seiner Zukunftsstrategie „Vision Bergstraße“ Rechnung getragen und dem Sektor angemessenen Aufmerksamkeit eingeräumt. Engelhardt sieht auf die Kommunen in Ausgestaltung und Organisation von Pflege weitere Aufgaben zukommen. Aufgaben, die Städte, Gemeinden und Kreis in enger Kooperation schultern können. „Wir sind Vorort ganz nah dran und dazu in der Lage.“

In der Bundespolitik ist Pflege auf der Agenda nach oben geklettert. „Das ist ein gesellschaftspolitisches Mega-Thema“, sagte Heike Baehrens. Die Göppinger Bundestagsabgeordnete ist Pflegebeauftragte der SPD-Fraktion im Bundestag und widmet einen großen Teil ihrer politischen Tätigkeit der Pflege. Baehrens, als ehemalige Diakonin beruflich regelmäßig mit der Materie konfrontiert, nannte die Pflegestärkungsgesetze I bis III als Belege dafür, dass in Berlin, die Dringlichkeit zu handeln, erkannt worden sei. Die Große Koalition hat entsprechende Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, die vom Bundestag beschlossen wurden. Die Gesetze aus der vergangenen Legislaturperiode haben nach Einschätzung von Baehrens die Rahmenbedingungen für Pflege verbessert. Um weitere Fortschritte für Pflegekräfte, Pflegebedürftige und Angehörige herbeizuführen, wurde von der Bundesregierung im vergangenen Jahr die „Konzertierte Aktion Pflege“ initiiert.

Ein wichtiger Punkt bei diesen Beratungen aller Akteure, die professionell mit Pflege befasst sind, war neben der Personalaufstockung, der Verbesserung der Ausbildung und der Refinanzierung der Kosten durch die Krankenkassen, die Einführung eines bundesweit geltenden, verbindlichen Tariflohns in der Altenpflege. Ein Vorhaben, das auf Widerstand aus der privaten Pflegebranche stieß. Derzeit stehe eine Erhöhung des Mindestlohnes im Raum, so Baehrens. Die monatlichen Lohnunterschiede im bundesweiten Vergleich würden bis zu 800 Euro monatlich betragen, berichtete die Abgeordnete.

„Das kann nicht sein.“ Die oftmals schlechte Bezahlung würde zum „schlechten Image“ des Berufes beitragen. In den Pflege-Einrichtungen der AWO ist Bezahlung nach Tarif Standard, betonte Ansgar Dittmar. „Gute Pflege kostet“, sagte der Geschäftsführer des AWO-Bezirksverbandes Südhessen. Dittmar wies auf den wachsenden Pflegebedarf und die damit verbundenen Steigerung der Kosten hin. Derzeit gebe es in Deutschland 3,6 Millionen pflegbedürftige Menschen, laut Prognosen dürfte die Zahl auf 5 Millionen im Jahr 2045 ansteigen. Erforderlich sei daher ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Finanzierungs- und Personalkonzept, meinte Dittmar.

Um den heutigen sowie den zukünftigen Bedarf in der Pflege decken zu können, benötigt es Fachpersonal. Die Personalschlüssel für Pflegeheime seien veraltet, sagte Tanja Eichelbaum. „Die Anforderungen an die Altenpflege haben sich grundlegend verändert“, erklärte die Betriebsleiterin des AWO-Sozialzentrums in Bensheim. Die Senioren würden heute meist mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen ihre letzte Lebensphase in den Pflegeeinrichtungen verbringen. Der Pflegeaufwand sei deshalb höher, allerdings habe das Pflegpersonal heute weniger Zeit, sich um diese Menschen zu kümmern. Neben den enormen körperlichen und psychischen Belastungen, die zu einem hohen Krankenstand in der Branche bedingten, ließen sich wegen des Zeitdrucks Abstriche bei der Arbeitsqualität kaum vermeiden. Das führe zu einer gewissen Unzufriedenheit beim Pflegepersonal. „Wir haben hier im Haus ein tolles und motiviertes Team, aber wir stoßen an Grenzen.“ Bei einer Umfrage wünschten sich die Beschäftigten des Bensheimer Sozialzentrums vor allem mehr Zeit für die Pflege der Bewohner, mehr Fachkräfte und größere Verlässlichkeit in den Dienstplänen.

Man versuche mit vielen kreativen Ideen, Menschen für einen Arbeitsplatz in der Pflege zu motivieren. „Bei uns sind Quereinsteiger ebenso willkommen, wie alte Hasen“, so Eichelbaum. Die Altenpflegeschule Bergstraße vertraten Geschäftsführerin Stephanie Gast und Schulleiterin Jeanette Bischer. Sie hatten eine Umfrage bei ihren Pflege-Azubis durchgeführt und danach gefragt, was ihnen den Auszubildenden wichtig wäre. Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht so sehr ums Gehalt geht, sondern vielmehr um familienfreundliche Arbeitszeiten und einen verlässlichen Dienstplan. Am wichtigsten ist den Auszubildenden aber, dass mehr gutausgebildete Kolleginnen und Kollegen in den Wohnbereichen ihren Dienst leisten.

Der abschließenden Publikumsrunde konnte man ähnliche Verbesserungswünsche entnehmen. Das Fachkräfteproblem könnte man dadurch lösen, dass junge Menschen früher an die Pflegeberufe herangeführt werden, wie etwa zu Zeiten des Zivildienstes. „Das Image der Pflege wird leider immer wieder in der Öffentlichkeit schlechtgeredet. Aber, die Menschen, die mal hier reinschnuppern, bleiben meist und machen ihre berufliche Karriere in der Pflege“, befand ein Redner. Auf ein verpflichtendes Soziales Jahr wollte man sich aber nicht einigen. Die Freiwilligkeit soll erhalten bleiben. Dennoch brauche man mehr Menschen in den Pflegeberufen. „Sonst können wir bald unserem Versorgungsauftrag nicht mehr nachkommen“, warnte eine andere Rednerin.

Für verbesserte Bedingungen soll die reformierte Ausbildung sorgen. Ab 2020 gilt die sogenannte generalistische Ausbildung in der Pflege. Die bisherigen Ausbildungen von Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege werden dabei zusammengefasst. „Ein wichtiger Schritt“, sagte Jeanette Bischer, die Leiterin der Altenpflegeschule des Kreis Bergstraße mit Sitz in Bensheim. Dadurch würde der Beruf an Attraktivität und gesellschaftlicher Anerkennung gewinnen. Die Umstrukturierung der Ausbildung, die mit einer Ausbildungsvergütung verbunden sein soll, könnte mehr junge Menschen für die Pflege interessieren.

Zusätzlich müssten Mittel und Wege gefunden werden, Fachkräfte im Anschluss an die Ausbildung dauerhaft im Beruf zu halten, ergänzte Stephanie Gast, die Geschäftsführerin der Altenpflegeschule. „Das ist ein Punkt, an dem wir ebenfalls ansetzen müssen.“