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Science-Fiction-Feeling pur: Am Abend marschierte die German Garrison der „501 Legion“ im Schuldorf ein. Foto: soe
30. Mai 2019 

Unterhosen verglühen im Weltraum

Schuldorf Bergstraße beteiligt sich erstmals bei internationaler Yuri´s Night

SEEHEIM-JUGENHEIM (tri), Nun ist es raus: Unterhosen werden auf der ISS nur einmal getragen. Weil man die Slips auf engstem Raum in 400 Kilometern Höhe nicht waschen kann, werden sie nach ein, zwei Tagen ausgezogen, eingeschweißt und ins All befördert. Mit kosmischer Umweltverschmutzung hat das aber nichts zu tun: die Höschen verglühen beim Eintritt in die Erdatmosphäre.

Es gab aber noch gehaltvollere Informationen beim Weltraumtag in Seeheim-Jugenheim. Erstmals beteiligte sich das Schuldorf Bergstraße jetzt an der Yuri’s Night. Eine Veranstaltungsreihe, die alljährlich Mitte April weltweit auf allen Kontinenten gefeiert wird und an den ersten Menschen im All – Juri Gagarin – erinnern soll. Als Aktionstag feiert die Yuri’s Night die bemannte Raumfahrt als zivilisatorische Errungenschaft. Die internationale Schule führt damit die Tradition der ehemaligen Bergsträßer Weltraumtage in einem neuen Format fort.

Ein galaktischer Erfolg, an dem sich hunderte von Schülern beteiligt haben. „Damit reiht sich Seeheim in rund 200 Städte auf dem Globus ein“, betont Christian Wolff. Der Lehrer leitet den Wahlpflichtunterricht „Astronomie und Raumfahrt“ in Kooperation mit der European Space Agency (ESA), dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Starkenburg-Sternwarte Heppenheim. Teilnehmer sind Schüler der siebten bis zehnten Klassen.

„Ich freue mich schon auf die Sturmtruppen“, meint Jan aus der Achten. Am Abend des Aktionstags marschierte nämlich die „501 Legion“ im Schuldorf ein. Dabei handelt es sich um den weltgrößten Star Wars Kostümclub mit über 10.000 aktiven Mitgliedern rund um den Globus, von Amerika über Europa bis nach Japan und Australien. Die German Garrison ist der deutsche Ableger. Auch bekannt als „Darth Vaders Faust“. Das bedrohliche Heer in weißer Rüstung eröffnete das Vortragsprogramm des öffentlichen Teils: der Science-Fiction-Experte Robert Vogel berichtete über die Einflüsse von „Krieg der Sterne“ auf die reale Raumfahrt, die Journalistin Bettina Wurche entführte die Zuhörer auf den Saturnmond Enceladus: ein Eismond, auf dem es Spuren von flüssigem Wasser gibt und der deshalb als einer der wenigen Planeten in unserem Sonnensystem gilt, auf dem es günstige Bedingungen für Leben gibt.

Mit dem Raumfahrtingenieur Rainer Kresken reisten die Zuhörer zurück in die Geschichte und erlebten an Bord von Wostok 1 den ersten bemannten Raumflug mit Juri Gagarin am 12. April 1961 – fast auf den Tag genau 58 Jahre vor der Yuri`s Night im Schuldorf. Kresken arbeitet am ESOC, dem europäischen Raumflugkontrollzentrum der ESA in Darmstadt und ist zudem Vorsitzender der Starkenburg-Sternwarte in Heppenheim. Zum Abschluss des Abends öffnete die im Schuldorf bereits legendäre Galaxy Lounge ihre Pforten. Eine Space-Bar mit extraterrestrischen Cocktails und sphärischen Klängen.
„Das Universum interessiert mich schon immer“, sagt Christian Wolff, dem es gelungen ist, auch den schulinternen Vormittag mit Top-Referenten aus der Szene zu bestücken. Er weiß, dass bereits Grundschüler vom Thema fasziniert sind. „Leider kommt es im Unterricht nicht vor.“ Entsprechend groß ist das Interesse an den freiwilligen Kursen und an Sonderveranstaltungen wie diesen. Während die jüngeren Schüler mit Hunden in den Weltraum flogen oder kindgerecht an den Rand des Universums begleitet wurden, gab es für die siebten Klassen aufwärts anspruchsvollere Raumausflüge.

Ralf Schlosser vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt plauderte aus dem Nähkästchen der Internationalen Raumstation ISS. Neben glühenden Unterhosen gab es spannende Informationen aus dem inneren Kreis der DLR. „Die ISS ist die wohl komplexeste Maschine, die der Mensch jemals gebaut hat“, so Schlosser in der voll besetzten Aula. Seit Gagarins Pionierflug hat sich neben den USA und China auch Europa ins All vorgewagt. Mittlerweile gibt es zehn europäische Astronauten, und wenn es nach den Seeheimer Schülern geht, bald zahlreiche weitere. „Ich stelle mir das enorm aufregend vor“, so Melanie aus Eberstadt. Auch ihr Jahrgangskamerad Dennis (12) möchte es versuchen. Er sei gut in Physik, sehr sportlich und kerngesund, sagt er. Ralf Schlosser macht den Jugendlichen Mut: „Probiert es aus. Aber es ist sauschwer!“

Eher unspannend wirkt so ein Tag auf der ISS. Aufwachen, Zähneputzen, getrocknetes Frühstück aus Plastikbeuteln, Forschen, Pausieren, dann wieder Forschen, Essen und Schlafen. Duschen? Fehlanzeige. Außer feuchten Tüchern gibt es nichts. Katzenwäsche muss genügen. Die Unterhosen sind wie alle Klamotten portioniert verpackt. Fünf für 14 Tage müssen reichen. Auch die menschlichen Reststoffe verglühen in der Atmosphäre – hoffentlich, kann man da nur sagen. Solche Grüße von der ISS braucht auf der Erde keiner.

Die Kommunikation mit dem Heimatplaneten ist ebenso wichtig wie der tägliche Sport, um die Muskulatur in der Schwerelosigkeit zu erhalten, erklärt der DLR-Projektkoordinator. Ein halbes Jahr ohne Obst und Gemüse ist eine Herausforderung für den Körper. Immerhin wird mit Salat experimentiert. Der wächst im All auf einer Art Schwamm. Und auch das Putzen der Station gehört zum Arbeitsalltag der Astronauten. „Die sind Mädchen für alles“, so Schlosser. Gegen 22 Uhr unserer Zeit gehen die Helden ins Bett. „Die Bodenstation wünscht eine gute Nacht. Das klingt drollig, ist aber so.“ Auch im Weltraum möchte der Mensch nicht auf seine liebgewonnenen Rituale verzichten.

50 Jahre nach dem ersten Besuch geht es bald wieder zum Mond. 2022 ist angepeilt. Das Orion-Raumschiff der NASA wird viele Komponenten der ESA enthalten. Europa fliegt also mit. Als nächste Herausforderung wartet der Mars. Der US-Multimillionär Elon Musk will in sechs Jahren die Reise zum roten Planeten antreten. Das wird knapp für die angehenden Astronauten aus dem Schuldorf. Aber sie haben ja Zeit. Und vielleicht überlegen es sich einige ja doch noch anders. Die Sache mit den Unterhosen wirkte dann doch eher abschreckend.