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Es gibt viele Gründe, warum Kinder nicht mehr zur Schule gehen möchten. Man sollte die Ursache finden und gemeinsam daran arbeiten. Foto: fotolia
11. November 2017 

Wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr in die Schule gehen…

Der Weg zurück zur Normalität ist schwierig, aber nicht unmöglich

BENSHEIM, November 2017 (awa), Das ist der Horror aller Eltern: Ihr Kind geht nicht mehr in die Schule, verbringt den ganzen Tag mit elektronischen Medien und zieht sich immer mehr aus allen sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen zurück. Wenn das passiert, ist zuvor stets schon eine ganze Reihe von Dingen „schief gelaufen“. Der Weg zurück zur Normalität ist schwierig, aber nicht unmöglich.

Das sind die möglichen Gründe, weshalb Kinder / Jugendliche nicht mehr zur Schule gehen:

1. Angst vor der Schule:
a) durch Mobbing; b) durch soziale Ängste; c) durch wachsende Frustration, bedingt durcah anhaltende Misserfolge in der Schule
2. Angst, dass zuhause etwas passiert, während man in der Schule ist.

Eine große Schwierigkeit hierbei ist, dass in der Regel weder die betroffenen Kinder/Jugendlichen noch deren Eltern in der Lage sind, selbst diese möglichen Gründe zu erkennen und als solche zu benennen. Die Jugendlichen haben sich meist angewöhnt, die Erwachsenen mit gebetsartig wiederholten Formeln („ich kann halt nicht, ich weiß auch nicht warum, es geht einfach nicht“) abzuspeisen, und die Erwachsenen haben dies aus Hilflosigkeit hingenommen.

1a). Mobbingsituationen sind häufig, werden aber von den betroffenen Kindern/Jugendlichen oft nicht benannt, weil sie sich deswegen schämen und/oder weil irrational übersteigerte Ängste vor den Mobbern bestehen. Nicht selten versuchen Eltern und Kinder das Problem zu lösen, indem die Schule gewechselt wird. Wenn man aber nicht verstanden hat, was an der alten Schule zu der schwierigen und untragbaren Situation geführt hat, wird sich an der neuen Schule innerhalb einiger Wochen oder Monate dieselbe Situation wiederholen. Dann hat das Kind/der Jugendliche erneut einen Misserfolg und das Gefühl, gescheitert zu sein, und die Negativspirale wird sich verstärken.

1b). Noch verdeckter und schwieriger zu identifizieren sind soziale Ängste bei Kindern und Jugendlichen. Erst nach vielen diagnostischen und therapeutischen Gesprächen stellt sich heraus, dass der Betroffene Angst hat, alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, alleine durch die Stadt zu gehen, ein Referat vor der Klasse zu halten oder auch nur alleine in den Supermarkt zu gehen. Man befürchtet, insbesondere von Gleichaltrigen angeschaut und negativ bewertet zu werden. Dies löst Unbehagen bis zur Übelkeit und/oder Panik aus. Die Jugendlichen vermeiden all diese Situationen, der Bewegungsspielraum im Alltag engt sich immer mehr ein, die Betroffenen können dies aber selbst nicht so benennen.

Häufig nehmen sie vorgeschobene Gründe für ihr Verhalten bei sich selbst wahr bzw. sie fühlen sich „schlecht“ und klagen über somatoforme (psychosomatische) Beschwerden wie z. B. Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel. Hierbei ist es wichtig, diese Beschwerden ernst zu nehmen und beim Kinderarzt oder Hausarzt die nötigen Untersuchungen durchzuführen, um organische Ursachen dieser Beschwerden auszuschließen.

1c). Bedingt durch schulische Anforderungen, die in den höheren Klassen von Jahr zu Jahr wachsen, kann es zu schulischer Überforderung kommen. Wenn die schulischen Misserfolge immer häufiger und intensiver werden, kann es sein, dass der Schüler in Ausweichverhalten flüchtet, um sich weitere „Niederlagen“ zu ersparen.

Nicht selten liegt eine Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ADHS oder ADS) zugrunde, die das Lernen erschwert, manchmal auch eine Lese- Rechtschreibstörung (LRS) bzw. ADHS und LRS in Kombination.

2.Bei manchen Kindern gibt es Trennungsängste in Bezug auf die Eltern. Das Kind möchte nicht in die Schule gehen, weil es sich nicht von den Eltern trennen will. Es hat Befürchtungen, dass in der Zeit seiner Abwesenheit mit Mama oder Papa etwas passieren könnte. Um das zu verhindern (quasi um auf Mama oder Papa „aufzupassen“), möchte das Kind die Trennung von einem oder von beiden Elternteilen vermeiden. Häufig ist die Trennungsangst beidseitig, d.h. ein Elternteil kann das Kind aufgrund eigener emotionaler Bedürfnisse nicht in die Schule gehen lassen. Nicht selten befürchtet das Kind, dass die Eltern sich in seiner Abwesenheit streiten bzw. dass die Eltern sich trennen könnten. In Trennungsfällen ist es extrem wichtig, dass beide Eltern dem Kind klar vermitteln, dass sie es weiterhin lieben, dass die Trennung nichts mit dem Kind zu tun hat und dass die Eltern das Kind auf keinen Fall als „Schiedsrichter“ für den Konflikt zwischen den Eltern benutzen.

Meist gehen die eben beschriebenen Formen von Schulvermeidung mit entschuldigtem Fehlen einher, d.h. die Eltern wissen, dass ihr Kind nicht in die Schule geht. Bei all den benannten Formen von Schulvermeidung können somatoforme (psychosomatische) Beschwerden auftreten, wie z. B. Bauchschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel. Wenn das Kind aufgrund dieser somatoformen Beschwerden krank geschrieben wird und aufgrund dieser Beschwerden nicht in die Schule gehen muss, beginnt ein fataler Teufelskreis. Die Krankschreibung wird als Bestätigung der Schulvermeidung interpretiert, und das Kind kann nicht gesund werden, weil es ja dann wieder in die Schule gehen müsste. Also wird es krank bleiben. Auch eine Beschulung zuhause löst das Problem nicht, sondern trägt zu dessen Verschlimmerung bei.

Zusätzlich gibt es das Schuleschwänzen. Hierbei wissen die Eltern nicht, dass ihr Kind nicht in die Schule geht. Sie wissen dann auch nicht, wo sich ihr Kind aufhält, und das ist mit potenziellen Gefahren verbunden. In aller Regel geht dem Schuleschwänzen eine längere Phase voraus, in der diese Kinder sich nicht an Regeln und Konsequenzen halten bzw. sich trotzig und oppositionell verhalten.

Wie funktioniert der Weg hinaus aus dem Teufelskreis des Schulabsentismus? Jeder Tag, an dem das Kind / der oder die Jugendliche nicht in die Schule gegangen ist, erschwert die Rückkehr in die Normalität immer weiter, und die Hürde wird immer höher.

Die Eltern müssen lernen, ihrem Kind zu vermitteln: „Wir nehmen es nicht hin, dass du nicht in die Schule gehst!“

Wenn Kinder / Jugendliche zuhause bleiben, muss der Aufenthalt zuhause unattraktiv und reizarm gestaltet werden: ohne Medien / Handy / Computerspiele / Internet / TV. Stattdessen müssen Aufgaben erledigt werden, wie z.B. Arbeiten im Haushalt oder Beschäftigung mit schulischen Inhalten. Es kann nicht sein, dass ein Jugendlicher zuhause bleibt, nicht in die Schule geht und dann den ganzen Tag per Handy „online“ ist.

Auf diesem – zugegebenermaßen mühevollen – Weg gibt es in Deutschland ein Helfersystem, zu dem verschiedene Institutionen und Berufsgruppen gehören:
Wer hilft: die Schule (Schulsozialarbeiter, Schulpsychologe, Schulamt); Erziehungsberatungsstellen; das Jugendamt (gewährt ambulante Hilfen mit dem Ziel: Anleitung bei adäquaten, altersgemäßen Freizeitaktivitäten und bei Aufbau und Pflege von Kontakten zu Gleichaltrigen); das Familiengericht, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen wie z.B. die Unterbringung eines Jugendlichen in einer geeigneten Einrichtung, wo der Schulbesuch und „normale“ Alltagsabläufe mit „normaler“ Tagesstruktur wieder aufgebaut und eingeübt werden. Unterstützend und koordinierend sowie diagnostisch und therapeutisch steht der Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut dem Jugendlichen, den Eltern und allen aktiven Personen des Helfersystems beiseite.

Ein funktionierendes Feedbacksystem zwischen Schule und Eltern ist auf diesem Weg unverzichtbar. Die Rückmeldung zwischen Eltern und Lehrern muss tagesaktuell erfolgen, es müssen permanent in beide Richtungen Informationen ausgetauscht werden; die Eltern müssen unverzüglich erfahren, wenn ihr Kind nicht in der Schule aufgetaucht ist.

In unserer Praxis arbeiten wir mit einem erfahrenen Lern- und Motivations- Coach zusammen. Er arbeitet mit den Jugendlichen zuhause, in ihrem gewohnten Umfeld, und bezieht auch die Eltern in die Motivationsarbeit mit ein. Durch ein individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnittenes Konzept werden dem Kind rasche Erfolgserlebnisse vermittelt, so dass wieder Neugier und Lust auf Schule möglich sind.

Wenn aber dennoch „alle Stricke reissen“, bleibt nur ein Klinikaufenthalt. Zuständig sind Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie. Diese sind besser als ihr Ruf. Von innen sieht eine solche Klinik aus wie ein Jugendferienlager. Der Vorteil ist: Das Zimmer, in dem der Jugendliche vorübergehend wohnt, und die Klinikschule (kleine Gruppen von 4 bis 6 Schülern) befinden sich unter demselben Dach, d.h. der Weg ist kurz. In der Klinikschule werden den Schülern schnelle Erfolgserlebnisse ermöglicht, so dass das Selbstvertrauen wächst und Spaß an der Schule wieder möglich wird. Wenn der erste Schritt klappt, ist der nächste Schritt der Besuch eines ausgelagerten Schulraums. Anschließend kann schon – in der Regel in Begleitung eines Klinikschullehrers – der erste Besuch in der Heimatschule gewagt werden. Darauf folgen Phasen, in denen Übernachtungen zuhause mit Rückkehr in die Klinik kombiniert werden, bzw. bei Bedarf eine tagesklinische Phase, in der der Patient zuhause übernachtet, von zuhause in die Heimatschule geht und nach der Schule noch einige Stunden in der Tagesklinik verbringt, um abends wieder nach Hause zurück zu kehren.

Auf diesem Weg, der aus Sicht des Jugendlichen und der Eltern lange und mühevoll sein kann, sind Rückschläge nicht selten. Dann heißt es: einen Schritt zurück, sich klar machen, was man schon erreicht hat, und erneut den nächsten Schritt wagen!

Autor:
Dr. med. Andreas Wacker
Facharzt für Kinder- u. Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Homöopathie
Nibelungenstraße 26
64625 Bensheim
Telefon: 06251 – 66478
www.praxis-wacker.de