Kleines Buch mit Glanzbild und großen Gefühlen
Die Sonderausstellung „Vom Poesiealbum zum Freundschaftsbuch“ läuft noch bis zum 31. Oktober
ZWINGENBERG, September 2014 (pem), „Lieb ist mir dies Büchlein, klein und fein, drum schreib auch keinen Blödsinn rein! Ein schönes Andenken soll es bleiben, drum bitte ich Dich recht ordentlich zu schreiben! Und wie oft wurde diese unmissverständliche Bitte in den Wind geschlagen! Mit dieser sanften Mahnung oder ähnlichen Verslein versah die Besitzerin oft ihr Poesiealbum und trotzdem rollten gelegentlich sogar die wütenden Tränchen, wenn jemand Seiten verknickte, mit Tinte kleckste oder statt ein hübsches Glanzbildchen sorgsam einzukleben, schrecklich mit Filzstift selber drauflos krakelte, um so etwas wie einen Blumenstrauß und eine Grinsesonne darzustellen.
Damals wusste man noch nicht, dass man gerade über die Einträge am meisten lachen würde, wenn man mit dem Abstand einer ganzen Generation wieder in dem Poesiealbum der halb vergessenen Tage blättert. Es war die vorpubertäre Kinderzeit, in der die Gefühlswelt sich zu regen begann. Das Herz übte sich in Romantik und Zweisamkeitsidealen noch in aller Unschuld. Die Zeit der großen Mädchenfreundschaften, das Alter der besten Freundinnen.
Es ist gar nicht so selten, dass die geschlossenen Freundschaften tatsächlich die Stürme der Jahre und der weiteren Entwicklung überdauerten. Selbst die getrennten Wege in jeweils eigenen neu gegründeten Familien vermochten richtige Freundinnen nicht auseinander zu bringen. Freundschaft ist ein seltsames Phänomen: absolute Offenheit, grenzenloses Vertrauen, inniges Verstehen, als sei der andere ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Seelenverwandtschaft, eine unerschöpfliche Energie und Kraft, die einfach immer da ist, ohne dass man einander ständig nahe zu sein braucht. Solche Freundschaften wachsen aus den Wurzeln der Kinderfreundschaften.
Die Ursprünge der Bücherkultur liegen im 16.Jh. Man sammelte Autographen berühmter Reformatoren. In Adelsgeschlechtern war es üblich, Familienwappen und Mottos in den Stammbüchern der Befreundeten zu hinterlassen. Zur Image- und Prestigepflege dienten im 18. und 19. Jh. den Studenten die „Stammbuchblätter“ in denen Professoren und Kommilitonen von Zeichnungen begleitete Sprüche und Empfehlungen eintrugen, die als Referenzen galten.
Jemandem sein Poesiealbum zu überlassen mit der Bitte um einen Eintrag war noch im 20.Jh. einerseits ein Angebot zu einer näheren Beziehung. Andererseits diente es als Prüfung: wie viel Mühe wird sich die andere mit der Gestaltung geben? Welchen Vers wählt sie, was will sie mir damit sagen? Mit klopfendem Herzen wagte man auch Lehrern oder anderen Erwachsenen das Büchlein zu reichen: Was werden sie mir mit auf den Lebensweg geben? So schwang immer ein wenig die Hoffnung mit, etwas von sich selber zu erfahren, von der Sicht der anderen auf einen selbst, die sich hinter den geflügelten Worten der Dichter spiegeln sollte.
Poesie diente als gefühlvolles Medium zwischen den Zeilen lesen zu lassen, und mit den verzierenden Glanzbildern konnte man durch die Blume sprechen. Doch nicht jeder teilte eben diese raffinierte Feinsinnigkeit. Die Sonderausstellung des Historischen Vereins im Zwingenberger Heimatkundemuseum vereinigt Exponate aus mehreren Jahrhunderten.
Von 1862 bis in das 21. Jahrhundert kann man die Entwicklung anhand vieler origineller Leihgaben aus der Bevölkerung verfolgen. Deutlich wird, wie aus der Schönschrift-Sammlung von Lebensweisheiten des Poesiealbums ein „Datenspeicher“ in Form von Freundschaftsbüchern wurde. Die Person dessen, der sich eintragen darf, rückt in den Mittelpunkt. Hinter dem „Selbstauskunftsbogen“ bleibt zwar noch Raum für einen individuellen Wunsch, eine Zeichnung, einen Sticker, doch mit der ausgefeilten „Beziehungskultur“ haben die „best-friends“ Alben nicht mehr viel gemeinsam. In Zeiten von „likes“ und „Freunden“ in den sozialen Netzwerken hat sich der Begriff der Freundschaft stark gewandelt, um nicht zu sagen ausgehöhlt. Gerade deshalb bereitet es umso mehr Vergnügen, sich auf die teils überschwängliche Gefühlswelt einzulassen, die aus der bunten Vielfalt der Alben spricht. Der prominenteste persönliche Eintrag stammt von Eduard Möricke.
Die Zeilen des „Gebet“ wurden später sogar vertont. Natürlich lebt das Poesiealbum erst durch das Flair der Glanzbilder. Nur unromantische Menschen können die anmutigen Engelchen, die prächtigen Blumengebinde oder beschaulichen Märchenszenen aus geprägtem buntem, mit Silberflitter bestreutem Papier, als Kitsch abtun! Daneben finden sich aber auch kunstvoll aquarellierte Federzeichnungen, Scherenschnitte und kleine Kompositionen aus getrockneten Blüten zur Dekoration.
Der Historische Verein freut sich über die besondere Publikumsresonanz, denn selbst nicht eingefleischte Museumsgänger besuchen ihr persönliches Exponat und bringen Familie und Bekannte mit. Gerne lassen sich die Betrachter von der eigenen Nostalgie einfangen, um dem kleinen, glücklicher empfundenen „Damals“ nachzuspüren. „Wenn Du einst in späten Jahren dieses Album nimmst zur Hand – denk daran wie froh wir waren in der kleinen Schülerbank!“.
Noch bis 31. Oktober ist die Ausstellung sonntags von 14.30 Uhr bis 17.30 Uhr bei freiem Eintritt zu bewundern.

