Ableben nach Abzählreim
Mit einem Stück von Agatha Christie brachte das Chamäleon-Theater feinnervige Spannung auf die Bühne
SEEHEIM-JUGENHEIM, Dezember 2014 (pem), Leblos sackte Olaf Kühn über dem Klavier zusammen. Trotzdem braucht Seeheim-Jugenheim keine Bürgermeister-Neuwahl, denn zum Glück starb er nur einen Bühnentod in der jüngsten Produktion des „Chamäleon-Theaters“. Der Bürgermeister hatte sich der Hobbymimenschar angeschlossen, die sich mit „…und dann gab´s keine mehr“ ein ebenso hintergründiges wie anspruchsvolles Stück Krimiliteratur auf den Probenplan gesetzt hatte.
Der Blick zurück auf die vergangenen Einstudierungen der Amateurspielgruppe um Liesel Naumann beweist, dass man eine Vorliebe für spannende Unterhaltung mit Esprit pflegt und in Bühnengeschehen umzusetzen versteht.
„Ten little Niggers“ lautet der Titel, den Agatha Christie ihrem Werk gab. Damit spielt sie auf einen Kinderabzählvers an. Der Roman, der auf den Seeheimer Premierentag genau vor 75 Jahren erschien, zählt zu den weltweit meist verkauften. Erst später entschloss sich die Grande Dame der Spannungsliteratur zu einer Bühnenfassung. „Zehn kleine Gartenzwerge…“ sind es in der deutschen Übertragung, die nacheinander verschwinden, bis eben keiner mehr übrig ist. Dem entspricht das tödliche Prinzip, das in dem Stück waltet.
Zehn Personen führen mysteriöse Einladungen im Ferienhaus auf einer menschenleeren Insel zusammen – der Gastgeber ist abwesend. Es stellt sich heraus, dass alle etwas gemeinsam haben: Jeder von ihnen hat den Tod eines anderen Menschen verursacht. Und jeder geht anders mit dieser Tatsache um. Man leugnet, verdrängt, rechtfertigt oder hadert mit Gewissensqualen. Zehn kleine Gartenzwerge zieren den Kaminsims – und einer nach dem anderen geht zu Bruch, immer dann, wenn die Gesellschaft ein neues Todesopfer zu beklagen hat.
Eine nervenaufreibende Suche nach dem Mörder nimmt ihren Lauf. Hier zeigt sich Agatha Christies Meisterschaft für das Entwerfen psychologischer Profile und feinsinnig gezeichneter Charaktere. Die Chamäleon-Schauspieler nehmen eine enorme Herausforderung an, den „Papiergestalten“ individuelles Leben einzuhauchen.
In der Atmosphäre des Misstrauens und der Angst treten die Kehrseiten der guten Gesellschaft zu tage. Der schneidige General Mackenzie (Manfred Bartosch) versinkt in Verwirrung, der glatten und gewandten Privatsekretärin Vera Claythorne (Katharina Busch) kommt jegliche Contenance abhanden. Die Zuschauer bewundern ein herrliches Genrebild dessen, was man sich als typisch britisch ausmalt. Der paradiesvogelartige Lebemann Anthony Marston (Olaf Kühn) gehört dazu als Kontrapunkt zu den distinguierten, gut situierten Societyvertreter wie Sir Lawrence Wargrave (Paul Solms), Dr. Armstrong (Leon Hechler); Phillip Lombard (Timo Ackermann) und Davis Blore (Hans-Joachim Spalt). Als bigotte, verknöcherte Betschwester verkörpert Anita Bahrke großartig die spröde Emily Brent. Unverzichtbar der Butler: die ergebene Dienstbarkeit selber, jedoch nicht ohne eigenwillige Ticks. So bringt ihn Kai von Colbe als Rogers auf die Bühne. An seiner Seite ergänzt mit energischer Hausfrauenregentschaft Lena Wylenzek die Misses Rogers. Dieter Schwarze und Liesel Naumann führten gemeinsam Regie und lieferten beste Arbeit. Es ist nicht leicht Zuschauer in den Bann zu schlagen mit einem sehr textreichen und wortlastigen Stück. Doch durch das differenzierte Agieren der Schauspieler miteinander konnte man sich in das gefährliche Beziehungsgeflecht mit eingebunden fühlen. Darin liegt der Verdienst der Regie, die so ausgereiften und authentischen Figuren in der Gesamtharmonie der Handlung aufgehen zu lassen. Wer vorab schon den Schluss gelesen haben sollte, beraubte sich des kolossalen Vergnügens, als Detektiv im Parkett selber zu kombinieren und aus seinen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen.
Fotos: Stefan Oelsner
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