Steinerne Botschaft und beredte Geschichte
Gernot Scior referierte über das mit der Stadthistorie eng verbundene Adelsgeschlecht der Herren von Wallbrunn
ZWINGENBERG (pem), Eine Zwingenberger Adresse „Am Großen Berg“ ist eine ganz besondere Hausnummer: man genießt den Ausblick über die Riedebene bis in die Pfalz.
Ebenso trefflich lässt es sich hier aber auch Rückschau halten, denn man lebt direkt in oder in unmittelbarer Nachbarschaft von historischem Gemäuer. Einige Anwesen befinden sich innerhalb des Areals, das die Oberburg -auf deren Ruine die Jugendherberge errichtet wurde- mit ihren Mauern umfriedete. Dabei handelt es sich um „Burgsitze“, die Domizile derer, die von ihren Lehnsherren eingesetzt worden waren zur Bewachung und Bewirtschaftung der Anlage. Neben den Reckershausen-Baulichkeiten, ist der Hof derer von Wallbrunn erhalten.
Für viele Zwingenberger umgibt dieses Haus die Atmosphäre im Zwischenbereich von Historie und Sagenwelt. Wie an manch anderem mittelalterlichen Ort, soll auch hier eine „weiße Frau“ residieren, die ruhelose Seele der im Keller schmählich malträtierten und zu Tode gekommenen Mutter des Hauses gehe hier um, erzählt man… Derlei kann ein Historiker schwerlich bestätigen, aber „so manche Untat möchte man ihnen schon zutrauen“, versichert Gernot Scior. Der ehemalige Lehrer und studierte Geschichtswissenschaftler muss es wissen. Die Familie der Wallbrunner ist ihm so vertraut, als liierten ihn selber Blutsbande mit dem Geschlecht.
Er gilt als ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet, das schon zu Studienzeiten im Mittelpunkt seines Forscherinteresses stand.
Das recherchierte Material überstieg bei weitem das für das Staatsexamen nötige Ausmaß. Nach einer weiteren Dekade des Archivstöberns und der Informationssuche trat er schließlich als Buchautor an die Öffentlichkeit mit seinen umfassenden Kenntnissen. Im Zuge der Veranstaltungen zum tausendjährigen Stadtjubiläum wollte der Förderkreis „Kunst und Kultur“ das Zwingenberger Publikum gleichfalls davon profitieren lassen. In einem detailreichen Vortrag, dem man die Liebe zur Materie und die Begeisterung für die Sache durchaus anmerkte, schlug der Referent einen Bogen von den mit der Stadtgeschichte eng verflochten Wurzeln der Familie über die räumliche Ausbreitung und die epochalen zeitlichen Veränderungen. Bekannt ist „der alte Hans“, Hans von Wallbrunn den Zwingenbergern durch den Besuch der Bergkirche.
Die Südwand enthält den Grabbedeckungsstein mit seinem Konterfei von 1484. An seiner Seite erkennt man seine wenige Jahre früher verstorbene 3. Gemahlin, Lucia von Reifenberg, mit der er vierzehn Kinder zeugte. Beide zählen zu den besterhaltenen Platten an der Bergstraße. Ihr guter, unbeschädigter Zustand spricht dafür, dass sie sich immer im Kircheninneren befunden haben. Die Beerdigung an so privilegierter Stelle zeigt die Bedeutung der Familie. Anschaulich gelang es Gernot Scior, die Epoche des Niedergangs des Rittertums mit allen wirtschaftlichen und gesellschaftsstrukturellen Konsequenzen zu beleuchten.
Die Entwicklung neuer Waffentechniken war es, die der angestammten Lebensweise den Todesstoß beibrachte. Feuerwaffen machten herkömmlich gepflegte Verteidigungsstrategien obsolet. Das beste Beispiel in der näheren Umgebung bietet die Burgruine Tannenburg, wo auch die älteste Handfeuerwaffe aus dem Jahr 1399 gefunden wurde.
Keine erbittert kämpfende Gegenwehr vermochte den Sieg der Anstürmenden zu verhindern: die einst so stolze Feste wurde Erdboden gleich geschleift. Das Seeheimer Heimatmuseum dokumentiert diesen exemplarischen Niedergang anhand zahlreicher Fundstücke, Modelle und anderer Exponate. In dieser „Welt des Umbruchs“ war es der Verdienst der Wallbrunner, die Zeichen der Zeit zu erkennen, richtig zu deuten und entsprechend zu handeln: In der Territorialmacht lag die Zukunft. Um Ernsthofen herum gelang es den Wallbrunnern, eine Herrschaft aus fünf Dörfern zu errichten.
In den angewandten Methoden war man nicht zimperlich: wer nicht freiwillig seinen Besitz veräußerte, dem wurde zugesetzt, mitunter „bestach er die Weibsleut mit Geschenken“. So überdauerte die Familie die Jahrhunderte und Gernot Scior freut sich bereits darauf, demnächst beim Familientreffen den heutigen Nachfahren, mit denen er in gutem Kontakt steht, in gleicher lebendiger Weise Auskunft über ihre Vorfahren zu geben.
