Kreis Bergstrasse

Tabakanbau Lorsch 2013
14. März 2013 

Grünes Blatt, blauer Dunst und viel Geschichte

Das Lorscher Tabakprojekt greift nun das Thema Führungen auf

LORSCH (meli), Dass Rauchen die Gesundheit gefährdet, daran besteht kein Zweifel. Dass diese Erkenntnis dabei fast so alt ist, wie das Rauchen selbst – wen wundert’s? Kaum war der Tabakkonsum in Europa um 1600 in Mode gekommen, sprach die Bulle Cum Eclesia 1642 schon das erste Rauchverbot aus, in Lüneburg stand auf Rauchen bis 1692 sogar die Todesstrafe. Doch pünktlich fünf Jahre nachdem Hessen 2007 ein generelles Rauchverbot verhängt hatte, startete die Stadt Lorsch im letzten September ein Tabakprojekt.

Im Rahmen dessen hat man jetzt – zusätzlich zum wieder aufgegriffenen Tabakanbau – gemeinsam mit der Tourismus- Agentur des Kreises und dem Heimat- und Kulturverein Tabakführerinnen und –führer ausgebildet. „Ich bin sicherlich der krasseste Nichtraucher“, sagt Florian Saum, der in Heidelberg studiert. „Aber Tabak ist ja, gerade in Lorsch, ein Thema, bei dem viele unglaublich interessante und ganz andere Aspekte im Vordergrund stehen.“ Wohl wahr. Ist Lorsch auch primär durch das erste UNESCO-Weltkulturerbe Hessens bekannt, verdankt doch der historische Stadtkern sein heutiges Aussehen Tabakanbau und –verarbeitung, was hier für gut dreihundert Jahre nachgewiesen ist.

In den 1920er Jahren etwa zählte man hier über dreißig Zigarrenfabriken, von damals 6000 Lorscherinnen und Lorschern arbeiteten 2000 alleine in der Zigarrenherstellung. Der Wohlstand Lorschs: Er gründet auf der Ausnahmepflanze, die in fünf Monaten um das Vierundzwanzig-Millionenfache an Gewicht zulegt und die, das lichte Grün ihrer enormen Blätter mit einer pinkfarbenen oder weißen Blütendolde gekrönt, in den sandigen Gemarkungen rings um Lorsch prächtig gedieh.

Die Geschichte des Tabaks in Lorsch ist ein Stück Kulturgeschichte. Sie steht exemplarisch für die europäische Industrialisierung, sie greift das Thema Frauenarbeit auf und damit auch die Emanzipation. „Dass die Großmutter etwa in der ‘Duagg-Fawerigg’ (Tabakfabrik) mehr verdiente als der Mann „beim Benz in Mannem“ – sensationell! Dass die Kirchweih extra vom November auf den September verlegt wurde, weil man eben dann die Tabakpflanzer ausbezahlte, dass der Jahresablauf regelrecht bestimmt war von Aussaat, dem Auspflanzen, dem Ernten, dem Trocknen des Tabaks – noch ist das Wissen, sind die Zeitzeugen in der Stadt vorhanden. In Lorsch gibt es das größte Tabakmuseum Deutschlands. Bernhard Stroick betreut für den Heimat- und Kulturverein diese Abteilung des Lorscher Museumszentrums.

Viel Neues gab es für die angehenden Tabakführerinnen und –führer sowieso. Nach einem dreiwöchigen Lehrgang wurden sie schriftlich und mündlich geprüft. Ab der neuen Reisesaison kann man nun – neben einem Tabakworkshop mit Zigarrendrehen und –verkosten – spezielle Tabakführungen in Lorsch buchen. Informationen zum Tabakprojekt der Stadt Lorsch gibt es beim KULTour-Amt der Stadt Lorsch. Die Tabakführungen können in der Tourist Info im Alten Rathaus ab der neuen Reisesaison gebucht werden.