Seeheim-Jugenheim

Verlegt wurden die Stolpersteine von dem Initiator des Projekts Gunter Demnig. Foto: Stefan Oelsner
30. Mai 2013 

Bewegende Erinnerungen fest gefügt

Zum Gedenken an das Schicksal ehemaliger jüdischer Bürger Seeheims begann die Gemeinde mit der Verlegung der ersten „Stolperstein-Plaketten“

SEEHEIM-JUGENHEIM, Mai 2013 (pem), „Die Opfer der Shoa geben uns einen Auftrag“, mahnte Bürgermeister Olaf Kühn. Die Gemeinde Seeheim-Jugenheim nimmt sich der Aufgabe nach fraktionsübergreifender Entscheidung an. Der Arbeitskreis „Wider das Vergessen“ hatte bereits häufig aktive Zeichen gesetzt, um an Leben und Leiden jüdischer Mitbürger unter der Nationalsozialistischen Gräuelherrschaft zu erinnern. Mit Würdigungen verbindet sich die Verpflichtung für die Zukunftsgestaltung aus der Geschichte zu lernen.

Worte der Betroffenheit fand Bürgermeister Olaf Kühn, um den Willen der Gemeinde zu bekunden sich weiterhin mit den „dunklen“ Seiten der Ortsgeschichte zu befassen, der Auseinandersetzung mit der lokalen Situation sei man zu lange aus dem Weg gegangen. Erst 1992 machte sich Robert Bertsch um eine umfassende Dokumentation des jüdischen Lebens verdient.

Das von Franz Joseph Schäfer und Peter Lotz geleitete immense Schülerprojekt zur Biographiedatensammlung leistete wertvolle Vorarbeit für die Aktion „Stolpersteine“. Mit einer feierlichen Auftaktveranstaltung begann die Verlegung der Gedenkplaketten an den ersten drei von insgesamt 49 Plätzen im Gemeindegebiet.

Die Namen darauf stehen für die Schatten der ausgelöschten Existenzen. Symbolisch mit den Plaketten im Pflaster vor den Häusern, in denen jüdische Familien ihren Lebensmittelpunkt hatten, ist die bewegende Erinnerung fest gefügt. „Gut, dass Sie alle gekommen sind“, begrüßte Joachim Dietermann die 300 Gäste. Er moderierte das Programm, das in der Albert-Schweitzer-Straße Nr. 6, der Darmstädter Straße Nr. 3 Würdigungen der jeweiligen Familien vorsah. Umrahmt von jüdischen Lieddarbietungen machten Schüler mit den Biographien und Schicksalen der ehemaligen Bewohner vertraut.

Sozial engagiert, gut in Gesellschafts- und Vereinsleben integriert, waren der Arzt Arthur Meyer, der Metzger Maier und die Geschäftsfrau Emilie Rosenfeld. Flucht, Vertreibung, Enteignung, Deportation und unsägliches Leid, unerträglicher körperlicher und seelischer Schmerz ging ihrem Tod voraus. Zutiefst berührt fühlten sich alle Anwesenden durch die Rede des auf Einladung der Gemeinde aus Amerika angereisten David Rosenfeld. Sein Vater hatte im Alter von 16 Jahren mit einem Kinderzug Deutschland verlassen, um nach Amerika auswandern können. Die Eltern sah er nie wieder.

Erich Rosenfeld konnte lange nicht einmal im Kreise seiner eigenen Familie über die Erlebnisse reden. Mittlerweile ist es dem 87jährigen allerdings ein Bedürfnis geworden mit seiner Geschichte öffentlich die Erinnerung wach zu halten. David Rosenfeld erkennt in der „Stolperstein“-Aktion den „Weg, all die verlorenen Leben zu würdigen.“

Alle Fotos: Stefan Oelsner
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