Garten-Natur-Tiere, Kreis Bergstrasse

Die geernteten Blätter werden zu Ballen gebunden, transportiert und von den Helfern hier, Manfred Drax, zur Weiterverarbeitung abgeladen. Foto: Stefan Oelsner
20. September 2013 

Blätter-Gold für blauen Dunst

In einem einjährigen Projekt belebt die Stadt Lorsch die Tabaktradition in allen Arbeitsschritten von Anbau bis zur Zigarrenfertigung

LORSCH, September 2013 (pem), Die prachtvollen Pflanzen zierten die Gärten der Wohlhabenden Europas, die sich an der stolzen rosafarbigen Blüte und dem ausladenden lichtgrünen Blattwerk erfreuten. Nicht anders als bei den aus Südamerika importierten Tomaten und Kartoffeln erkannte man auch den Nutzwert des Tabaks erst auf den zweiten Blick. Die Seeleute wussten zumindest um den Gesundheitsaspekt bei der Verwendung als magenstärkendes Elixier oder heilsame Wundauflage. Sogar der Pest sollte er Einhalt gebieten können. Weniger bekannt war zu dieser Zeit noch die ökologische Perspektive. Die Pflanze profiliert sich als Sauerstofflieferant, denn auf einem Quadratmeter Anbaufläche stehen 9 qm Blattgrün zur Verfügung. Weltweit trat der Tabak seinen Siegeszug aber als Rohstoff für die Kultur des Blauen Dunstes an.

Über dreihundert Jahre wurde er auch in unserer Region angebaut und beherrschte das Agrarlandschaftsbild des Rieds. In der Lorscher Umgebung ergaben sich in Hochzeiten dadurch bis zu 1800 Arbeitsplätze. Der hohe Anteil an händischen Tätigkeiten in der Produktion von Aussaat bis zur Rauchwarenfertigung, machte den Erwerbszweig auf Dauer unrentabel. Außerdem fielen später die finanziellen Unterstützungen für die einst geförderte „Sonderkultur“ weg.

Dennoch ist der Tabak so eng mit der Stadtgeschichte verbunden, dass Lorsch ihm ein einjähriges Projekt widmet. Nicht als Genussmittel oder Gift steht er im Mittelpunkt. „Uns interessiert der soziale Faktor und wie sich eine Agrarlandschaft langsam in eine Industriegesellschaft wandelte“, erklärt Bernhard Stroik den vom Heimat- und Kulturverein gesteckten Rahmen.

Auf dem 2 x 800 qm großen Feld vor der letzten Tabakscheune wurde traditionsgemäß zum Josephstag im März der in Öfen vorgequollenen Samen ausgebracht. Nach Wachstums- und Reifungsphase begann im August die Ernte, die sich bis über den September ausdehnt. Um das Auswachsen der Pflanzen zu verhindern, sorgen die ehrenamtlichen Landwirte auch für das Köpfen und Geizen, das Zurückschneiden der Pflanzen.

Die sorgsam gebrochenen Blätter werden zu imposanten Bündeln gegurtet und zum Hof transportiert, wo sich die tatendurstigen Projektteilnehmer für die nächsten Arbeitsschritte bereit halten. Blätter fädeln zu Ketten in denen sie unter dem Dach der Trockenscheune allmählich ihre goldene Farbe gewinnen.

„Mer kennes noch, selbscht nooch fuffisch Joarn Pause!“, bestätigt eine fleißige Fädlerin. Schon als Kind hat sie den Umgang mit der langen flachen Nadel gelernt, sorgfältig die Rippen durchstochen, die Blätter auf vorab gemessene Kordel zusammengeschoben. Die ganze Familie war in Sachen Tabak eingespannt. Einige erinnern sich noch, wie sie in der Kinderzeit die „Sandblätter“ aufzusammeln hatten oder auch wie stolz sie waren, schon einmal selber den Traktor lenken zu dürfen. Lebendige Vergangenheit, Geschichte erleben – darin liegt Sinn und Wert des Projekts.
Im Trockenspeicher bleibt das „Blätter-Gold“ bis die Herbstnebel ihm wieder im November die Feuchtigkeit verliehen haben, die zur Weiterverarbeitung nötig ist. Der „Badische Geudertsheimer“ wird dann als Hauptbestandteil in die Zigarrenproduktion eingehen. (Grundsätzlich entstehen Zigarren immer aus Verschnitten verschiedener Sorten). Die Lorscher Zigarre soll dann die Souvenirpalette der Stadt bereichern.

Deshalb wird auch die Kerb wie schon früher wieder verstärkt den Charakter des Tabakerntefests annehmen. Geplant sind dazu Tabakflohmarkt, Informations- und Kunst-Ausstellungen sowie ein Zigarrenkontor mit Rauchsalon. Die Perspektive für 2014 entwirft sogar eine karibisch-riedische Zusammenarbeit: „Wir möchten die regionale Tabakkultur mit der Kubas zusammenbringen beim Zigarrenrollen, mit traditioneller Musik dem Essen zweier Kulturen, um zu sehen, wo man sich ähnlich ist und wo sich zwei Welten bereichern, “ so stellen es sich die Organisatoren vor.
Zunächst dürfen sich aber schon die Connaisseurs, die unerschrockenen Rauchgenießer, darauf freuen, in Muße voller Hingabe den Wandel des Blättergoldes in blauen Dunst zu zelebrieren.