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Eckhard Krautzun war weltweit als Fußballtrainer unterwegs, 31 Stationen in elf Ländern stehen in seiner Vita. Er hat Mannschaften auf fünf Kontinenten trainiert. Am 13. Januar wurde der Wahl-Heppenheimer 80 Jahre alt. Foto: soe/Fotomontage
05. März 2021 

Ein Globetrotter des Fußballs

Der Trainer Eckhard Krautzun feierte seinen 80. Geburtstag | Coach von Maradona

BERGSTRASSE, März 2021 (erh), Eckhard Krautzun war weltweit als Fußballtrainer unterwegs, 31 Stationen in elf Ländern stehen in seiner Vita. Er hat Mannschaften auf fünf Kontinenten trainiert, hat im Auftrag des Auswärtigen Amtes und des Nationalen Olympischen Komitees/Deutschen Olympischen Sportbundes Fußballprojekte rund um den Globus übernommen.

Am 13. Januar wurde der Wahl-Heppenheimer 80 Jahre alt. „Ich habe Freunde auf der ganzen Welt“, sagt er mit Blick auf seine Karriere, die ihn unter anderem nach Kenia, Tunesien, China, Malaysia, Saudi-Arabien, USA, Kanada und Süd-Korea führte. „Mich hat das Fernweh getrieben, das Interesse an den Ländern und ihren Kulturen, die Abenteuerlust.“

Trotz seiner vielen Engagements im Ausland ist der gebürtige Essener auch im deutschen Profi-Fußball ein gefragter Mann. Allein dreimal dockt er beim SV Darmstadt 98 an, mit dem TSV 1860 München gelingt ihm 1979 der Aufstieg in die 1. Bundesliga, mit dem 1. FC Kaiserslautern gewinnt er 1995 den DFB-Pokal. Zwischen seinen Tätigkeiten in der Heimat zieht ihn das Fernweh immer wieder in die große, weite Fußball-Welt. Die Sehnsucht, ferne Länder kennenzulernen, packt ihn bereits als Jugendlichen. „Ich wollte Pilot oder Archäologe werden.“ Nach einem Aufenthalt als Austauschschüler in England entwickelt er ein Faible für die englische Sprache und den britischen Fußball. Manchester United ist bis heute „my Club“, wie Krautzun sagt.

Er studiert Englisch und Französisch auf Lehramt, erwirbt Mitte der 1970er Jahre die englische Trainer-Lizenz. Beim Lehrgang in Lilleshal und Bisham Abbey lernt er Alex Ferguson kennen, der Manchester United später zu einer Weltmarke des Fußballs aufbaut.

Krautzun erzählt dem Schotten Ferguson Schotten-Witze. Ferguson revanchiert sich mit einer Einladung nach Glasgow und serviert seinem Gast „Haggis“, eine Spezialität der schottischen Küche aus Schafsmagen gefüllt mit Herz, Leber, Lunge. Krautzun spült kräftig mit Whiskey nach. Die Freundschaft der beiden Männer hält seit über 40 Jahren. Mit 27 Jahren muss Krautzun seine Laufbahn als aktiver Spieler (offensives Mittelfeld oder Libero) beenden wegen anhaltender Kniebeschwerden, die ihn bis heute begleiten. „Der Motor funktioniert noch gut, die Stoßdämpfer sind abgenutzt.“ Er bestreitet einige Bundesliga-Partien für den 1. FC Kaiserslautern. Auf dem Platz ist er eine Führungspersönlichkeit, ein Kicker, der die Kommandos gibt. „Ich war ein lauter Spieler und ein lauter Trainer.“ Er macht sein Sportlehrer-Diplom und seine Fußballlehrer-Lizenz.
Krautzun ist einer der ersten Trainer, der – beeinflusst durch den englischen Fußball – in Deutschland in der Abwehr mit Viererkette spielen lässt und das Pressing einführt. „Damals hieß Pressing noch Forechecking.“

In der Saison 1986/87 sorgt er mit dem SV Darmstadt 98, mit den jungen Bruno Labbadia und Bernhard Trares im Team, mit dieser Spielweise für Aufsehen. „Wir haben das immer und immer wieder trainiert.“ In einer der ersten Partien mit dem neuen System fegen die Lilien den VfL Osnabrück mit 7:1 aus dem Stadion am Böllenfalltor. „Die Osnabrücker haben gar nicht gewusst, wie ihnen geschieht“, erinnert sich Krautzun. In der Spielzeit 2000/2001 heuert er beim FSV Mainz 05 mit Jürgen Klopp als Spieler an. Die Kooperation endet vorzeitig. Krautzuns Nachfolger auf der Trainerbank der 05er wird: Jürgen Klopp. Der Kontakt zum Liverpooler Welttrainer besteht nach wie vor. „Wir schreiben uns häufig.“ Ebenso wie die Heimspiele von Manchester United besucht er immer wieder die Auftritte des FC Liverpool an der Anfield Road.

Mit dem tunesischen Verein CSF Sfax triumphiert er im afrikanischen Cup der Pokalsieger. Mit der Nationalelf Tunesiens qualifiziert er sich für die WM 2002. Beim Turnier in Südkorea und Japan ist er nicht mehr im Amt. Verband und Politik wollen mitreden bei der Kader-Nominierung. „Ich hatte in all meinen Verträgen festgehalten, dass ich als Trainer alleine verantwortlich bin für die Aufstellung.“ Er tritt als Nationaltrainer zurück.
Sein nach eigener Einschätzung größter internationaler Erfolg gelingt ihm mit dem Nationalteam der Philippinen 1991/92. Innerhalb von drei Monaten soll er eine Equipe für ein Turnier aufbauen in einem Land ohne richtigen Ligabetrieb. Er sichtet bei Polizei-, Universitäts- und Militär-Mannschaften. Zum ersten Training „auf einer Wiese“ kommen die Spieler barfuß oder in Sandalen. Krautzun organisiert einen Rasenmäher und das Equipment, lässt Tore aus Gusseisen anfertigen. „Die Löcher für die Pfosten haben wir selbst gegraben.“ Bei den südostasiatischen Meisterschaften erreichen die Philippinen das Halbfinale. „Das war eine Sensation.“
Seinen reichen Erfahrungsschatz gibt Krautzun heute in Vorträgen und Fortbildungen an Trainer weiter, die einen Job im Ausland annehmen. „Man muss sich für das Land interessieren, für die Menschen, für die Kultur, für die Religion, für die Sprache.“

Krautzun spricht fließend Englisch und Französisch, zudem beherrscht er die Fußball-Fachbegriffe in weiteren Sprachen. „Das muss man draufhaben, und man braucht einen guten Dolmetscher, der gleichzeitig Fußballfachmann ist.“ Neben der fachlichen Kompetenz sind Geduld, Toleranz, Stressresistenz und eine hohe Frustrationsschwelle wichtige Eigenschaften für einen „Auslandseinsatz“ als Coach. Was man auf keinen Fall tun sollte: Sich als Besserwisser aufspielen. „Das funktioniert nicht.“ Während seiner Zeit in Nordamerika begegnet Eckhard Krautzun mehrfach Pele. Der Brasilianer ist für ihn der beste Spieler aller Zeiten, gefolgt von dem kürzlich verstorbenen Diego Armando Maradona. Den argentinischen Weltmeister von 1986 trainiert Krautzun für zwei Begegnungen.

Al-Ahli Dschidda, den saudi-arabischen Verein betreut er 1987/88, verpflichtet Maradona für einen Freundschaftskick. Platz drei der Krautzun‘schen Bestenliste teilen sich vier Akteure: Franz Beckenbauer, Johan Cruyff, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Krautzuns Fußballheld aus Kindertagen ist der deutsche 54er-Weltmeister Helmut Rahn, den er im Trikot von Rot-Weiß Essen live erlebt im legendären Stadion an der Hafenstraße.

Seine Erlebnisse will Eckhard Krautzun in einem Buch zusammenfassen, seine Aufzeichnungen und Notizen sind geordnet. „Ich habe viel Glück gehabt“ schaut er „mit Demut und Dankbarkeit“ auf sein Leben. Drei schwere Unfälle, über die er nicht gerne spricht, hat er überstanden. 1988 ist er auf den PanAm-Flug in die USA gebucht, der nach einem Bombenanschlag über der schottischen Kleinstadt Lockerbie abstürzt. Dass er nicht an Bord ist, liegt am Fußball: Der Präsident von RW Essen möchte mit ihm kurzfristig über einen Vertrag verhandeln – Eckhard Krautzun sagt deswegen den Flug ab.