Eine Reise zu den Tsunami-Projekten zehn Jahre nach der verheerenden Katastrophe
BENSHEIM, Dezember 2014 (meli), Vor nunmehr zehn Jahren, als das ungeheure Ausmaß der Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember 2004 langsam Gestalt annahm, und die Zahl der gemeldeten Todesopfer von zunächst wenigen Tausend auf über 200.000 anwuchs, entwickelte sich weltweit eine in diesem Ausmaß bislang
unbekannte Bewegung der Solidarität und Hilfsbereitschaft für die Opfer des Tsunamis in Süd- und Südostasien.
Auch in Hessen gründeten sich zahlreiche Initiativen: Eine davon ist die von der Hessischen Landesregierung, HitRadio FFH, dem Verband Hessischer Zeitungsverleger und der Bensheimer Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie ins Leben gerufene Aktion „Hessen hilft den Flutopfern“. Zudem engagierten sich zahlreiche andere Initiativen, etliche Bürgerinnen und Bürger, Vereine, Schulen, Kindergärten und Firmen maßgeblich bei der Finanzierung und Umsetzung der verschiedenen Programme, die die Karl Kübel Stiftung vor zehn Jahren in Indien initiierte. Ralf Tepel vom Vorstand der Stiftung besuchte Ende November die Projektgebiete. Im folgenden Bericht sind seine Eindrücke und der Stand der Entwicklungen geschildert.
In Indien traf es vorwiegend die südöstlichen Küstenstreifen. Insgesamt waren knapp 900.000 Menschen unmittelbar von den Folgen des Tsunamis betroffen. In der Region gab es 8.000 Todesopfer, die Fluten richteten
massiven wirtschaftlichen Schaden an. Knapp 123.000 Häuser und Hütten wurden zerstört und machten die dort lebenden Familien obdachlos. Den Menschen, die vorwiegend vom Fischfang lebten, wurde die Existenz-basis
genommen. Ihre Boote wurden komplett zerstört oder vom Meer verschluckt.
Die indische Südwestküste
Trotz ihrer gegen die Wellen des Tsunamis relativ geschützten Lage wurden die Gemeinden Ennayam und Helen Colony von den Ausläufern des Tsunamis schwer getroffen. Zerstörte Häuser und Schulgebäude und der massive
Verlust ihrer Boote, Netze und Motoren beraubte die ausschließlich von der Fischerei lebenden Menschen ihrer wirtschaftlichen Lebensgrundlagen. Der Verein Bensheim hilft, ein Zusammenschluss engagierter Bensheimer,
initiierte zusammen mit der Karl Kübel Stiftung und mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein Hilfsprogramm, das neben der Wiederbeschaffung von Booten und Fischereizubehör auch innovative, entwicklungsorientierte Signale setzte. Mit Hilfe der lokalen indischen Partnerorganisation Shantidhan konnten in der Ortschaft Helen Colony 55 Fiberglas-Katamarane sowie drei Fiberglas-Vallams (Großboote) und zugehörige Netze beschafft und an die Fischer vergeben werden. Die Hilfe war nicht kostenlos. Die Fischer mussten einen Teil der Unterstützung in einen gemeinsamen Fonds zurückzahlen, der dann für weitere Beschaffungen genutzt wurde. In der benachbarten Gemeinde Ennayam wurden insgesamt 210 Katamarane und Netze bereitgestellt.
Heute stehen die Fischer wirtschaftlich wieder auf sicheren Füßen. „Die Menschen haben mich sofort erkannt, als ich am Strand zu den Booten lief. Die schnelle und eng begleitete Hilfe aus Deutschland ist nicht vergessen“, berichtet Tepel. Grund dafür sei auch, dass die Hilfe damit nicht geendet hatte. Neben der unmittelbaren Hilfe für die Fischer wurden psychologische Beratung und Training angeboten – und Abendschulen, die die Kinder vor Schulabbruch und Kinderarbeit bewahren sollten. Die finanzielle Unterstützung aus Deutschland ist seit einiger Zeit ausgelaufen, die Abendschulen werden jedoch von der katholischen Gemeinde vor Ort weitergeführt.
Frauen reparieren Bootsmotoren und eröffnen Werkstatt
Ein wahres Aushängeschild der Hilfe ist der Aufbau und der Betrieb einer Reparaturwerkstatt für Bootsmotoren, die von Frauen betrieben wird und seit Jahren – mit Gewinn – wirtschaftet. Die Bootsmotorenreparatur erwies sich als die wirtschaftlich tragfähigste Option, für Frauen eine dauerhafte qualifizierte Beschäftigungsmöglichkeit am Ort zu schaffen. Die Fischer brauchten Reparatur- und Beschaffungsmöglichkeiten für ihre Bootsmotoren.
Die nächste Werkstatt befand sich damals 60 Kilometer entfernt. Sie mussten zwei bis drei Tage Verdienstausfall einkalkulieren, bevor der Motor repariert war. Heute bietet sich die Reparaturmöglichkeit direkt im Ort. Unter Anleitung eines Mechanikers arbeiten derzeit elf Frauen in der Werkstatt. Zudem werden regelmäßig drei bis vier Frauen ausgebildet. Mittlerweile kommen auch Fischer aus umliegenden Gemeinden, um den erstklassigen Service der Werkstatt zu nutzen. Die Frauen verdienen 2.000 bis 3.000 Rupien (ca. 30 –
40 Euro) im Monat, hinzu kommen Prämien aus der Gewinnbeteiligung. Der Betrieb hat erhebliche Rücklagen gebildet, um größere Investitionen und die Beschaffung von Ersatzteilen zu finanzieren.
Die Gemeinde Velankanni im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ist der wichtigste katholische Wallfahrtsort Indiens. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 wurde auch diese Region mit ihren 10.144 Einwohnern an der indischen Ostküste von den todesbringenden Wellen verwüstet. Es war die am stärksten betroffene Region Indiens. Etwa 6.000 Menschen kamen hier ums Leben, viele davon Pilger. Viele aber auch Fischerfamilien, die ihre Häuser auf den flachen Stränden errichtet hatten. Zahllose Familien wurden auseinandergerissen und verloren ihre Häuser, Kinder wurden zu Waisen und Halbwaisen. Viele Überlebende waren zu einem jahrelangen Leben in den beengten Notaufnahmelagern verurteilt.
Zentrum für benachteiligte Kinder
Zusammen mit vielen Unterstützern, allen voran der in Heppenheim sitzenden Strahlemann Initiative und der Frankfurter Fraport AG, hat die Karl Kübel Stiftung gemeinsam mit ihrer indischen Partnerorganisation PEACE TRUST das Strahlemann Peace Support Centre (SPSC) in Velankanni aufgebaut – ein Kinderheim, vorwiegend für Halbwaisen und Mädchen, die unter den oft unmenschlichen und von Gewalt und Perspektivlosigkeit geprägten Lebensbedingungen in den Notlagern litten. Ihnen bot das Heim, das bis zu 100 Kinder aufnehmen konnte, ein sicheres Zuhause. Von Anbeginn war die Hilfe langfristig angelegt. Die Kinder wurden bis in eine gesicherte Schul- und Berufsausbildung begleitet. Zudem wurde das Zentrum schrittweise in ein umfassendes Lern-Zentrum für benachteiligte Kinder ausgebaut. Das Kinderheim hat über die Jahre 231 Mädchen ein neues und sicheres Zuhause geboten. Derzeit werden durchschnittlich 20 Mädchen permanent betreut. Die integrierte open school und die Nachhilfezentren haben bis Ende 2013 insgesamt 529 Kindern die Möglichkeit gegeben, ihren Schulabschluss nachzuholen. Die Brückenschule für ehemalige Kinderarbeiter haben 36 Kinder genutzt, weitere 645 Kinder nutzen dezentrale Angebote in umliegenden Gemeinden. Das SPSC ist zu einer viel gelobten, anerkannten und offiziell als beispielhaft ausgezeichneten Einrichtung geworden. Derzeit werden mehr als 300 Kinder täglich erreicht, Zweidrittel davon sind Mädchen.
Ralf Tepel hat zwei Mädchen, die im SPSC untergebracht waren, getroffen. Vidhya berichtete, dass sie gerade ihren Bachelor in Engineering abschließt. Das zweite Mädchen, Reena, befindet sich in der Ausbildung zum Bachelor in Computer Applications. Beide betonten, dass sie diese Ausbildung ohne die Unterstützung im SPSC nie geschafft hätten. Das SPSC soll nun in ein Berufsausbildungszentrum umgewandelt werden, in dem junge Menschen eine qualifizierte und stark bedarfsorientierte Berufsausbildung erhalten – entsprechend ihrer Neigung und entsprechend den Erfordernissen lokaler Unternehmen, um eine Übernahme in ein Arbeitsverhältnis sicherzustellen.
Die neuen Siedlungen sind immens gewachsen und kaum noch zu erkennen
In der Gemeinde Seruthur wurden zwischen 2008 und 2009 in Zusammenarbeit der Karl Kübel Stiftung und der RTL Stiftung insgesamt 66 Häuser errichtet. Zudem sind kleine Läden entstanden. Die örtliche Regierung hat die Straßen betoniert, so dass eine gepflegte kleine Siedlung entstanden ist. Ein paar Straßen weiter ist zwischen 2010 und 2012 die letzte Siedlung mit 50 Häusern gebaut worden. Zudem wurden kleine Programme zur
Einkommensförderung finanziert. Die aktivste Gruppe sind die sogenannten „Headloader“ – Frauen, die frühmorgens im benachbarten Nagapattinam auf das Anlanden der Fischkutter warten, dort Fisch kaufen und in großen Metallschüsseln auf dem Kopf in ihre Dörfer bringen und dort verkaufen. Sie wurden mit Krediten unterstützt, die es ihnen ermöglichten, mehr Fisch zu kaufen und entsprechend größere Gewinne beim Verkauf zu erzielen.
Weiter nördlich liegt Paramankeni, eine Gemeinde, die nahezu komplett von den Tsunamiwellen zerstört wurde. Tepel kann sich noch gut an den Zustand der Siedlung erinnern, die er zum ersten Mal im Februar 2005 besuchte. Das komplette alte Dorf war zerstört und evakuiert worden. Nur wenige Häuser des unmittelbar am Strand gelegenen Ortes waren noch bewohnbar. Entlang der Zufahrtsstraße, 500 Meter vom Strand entfernt, standen die Notunterkünfte – provisorisch zusammengezimmerte Strohhütten. Heute ist eine komplett neue Siedlung, etwa 700 Meter vom Strand entfernt, entstanden. Gemeinsam mit der Andheri Hilfe und Caritas wurden hier 200 Häuser und ein Schutzzentrum für die Bevölkerung gebaut. Zudem wurden Boote verteilt und Kredite für Frauen-Selbsthilfegruppen vergeben. „Es ist erstaunlich zu sehen, wie der Ort über die Jahre gewachsen ist“, so Tepel. Beim Hausbau waren Pflanzensetzlinge verteilt worden – für jedes Haus eine Kokospalme. Heute ist vom Dach des oberhalb gelegenen Schutzzentrums aufgrund der vielen Palmen von den Häusern kaum noch etwas zu sehen. Die Häuser sind liebevoll ausgebaut und erweitert worden. „Nahezu jede Veranda ist mit Fliesen gestaltet, Kinder spielen auf den betonierten Wegen. Der Ort ist sauber! Und die Menschen kennen mich, nach all den Jahren, laden mich spontan zum Tee oder auf eine Kokosnuss ein“, so Tepel weiter.
Devaneri – Schwerpunkt der Aktion Hessen hilft den Flutopfern
Die letzte Station der Reise war Devaneri, unmittelbar in der Nachbarschaft zu Mahaballipuram, bekannt durch seine zahlreichen historischen Tempelbauten und Skulpturen. Hier war der regionale Schwerpunkt der Aktion Hessen hilft. Von den etwa 1,6 Millionen Euro Spendengeldern wurde der Großteil für folgende Maßnahmen verwendet:
• Einrichtung und Betrieb von acht Nachhilfezentren für 541 Kinder
• Einrichtung und Betrieb einer Schneiderwerkstatt (inkl. Ausbildung)
• Bereitstellung von 187 Booten einschl. Netzen und Motoren
• Bereitstellung von sechs Wassertanks mit jeweils 500 Litern Fassungsvermögen
• Bau von drei Gemeindezentren
• Bau von Gemeinschaftslatrinen
• Bau von Brunnen und Handpumpen
• Organisation und Aktivierung von 20 Selbsthilfegruppen (SHG), die gemeinsam sparen, abrechnen und Investitionen tätigen
• Einrichtung von Abendschulen für Schulkinder, Bau eines Spielplatzes
• Bau von 222 Häusern
In Devaneri sind noch viele der vor neun Jahren verteilten Boote in Betrieb. Die Aufschriften sind verblasst, aber noch eindeutig zu erkennen. Die Fischer bestätigen: „Das sind gute Boote, die wir auch noch die nächsten Jahre nutzen können.“ An vielen Gebäuden sind das Logo der Karl Kübel Stiftung und die Inschrift „Donated by Hessen hilft den Flutopfern“ zu sehen. Viele Bewohner erinnern sich noch an den Besuch des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und seiner Delegation im Jahre 2010.
„Es ist ermutigend zu sehen, dass alle Programme weiter laufen oder in neue Trägerschaften übergegangen sind. Es sind keine nutzlosen Strukturen entstanden, die verfallen, sobald nicht mehr von außen finanziert wird. Die
Menschen haben die Chancen, die sich nach der Katastrophe boten, angenommen. Die Fischerei ernährt wieder viele Familien. Andere haben alternative zusätzliche Einkommensquellen entwickelt, wie die Frauen der Bootsmotorenreparaturwerkstatt in Ennayam“, fasst Tepel zusammen. Die neu entstanden Siedlungen sind mit Leben erfüllt, sie werden angenommen.
Die Menschen haben die zunächst sehr einförmig gestalteten Häuser in sehr persönliche Lebensräume verwandelt. Dies wäre ohne einen langfristig angelegten Ansatz und die Präsenz von vertrauenswürdigen Projektpartnern
vor Ort nicht möglich gewesen. Deshalb danken wir allen Partnern und Unterstützern der Aktion „Hessen hilft den Flutopfern“ ganz herzlich!
