Dezente Akzente in Seeheim
Die Ausstellung „Falten“ mit Bildern von Vadim Lapinskij und Fotografien von Magdalena Flammiger ist noch bis zum 1. März 2013 im Seeheimer Rathaus zu sehen
SEEHEIM (pem), Vadim Lapinskij weihte mit seinen Werken seinerzeit den Betrieb der „Treppenhausgalerie“ im Historischen Rathaus in der Ober-Beerbacher-Str. 1 ein. Mit der eindrucksvollen Ausstellung „Falten“, die seine Bilder zwischen Kachelquadrat und Wandfüllformat mit Fotografien von Magdalena Flammiger vereint, meldet er sich in Seeheim, diesmal im Rathaus, Schulstr. 12, zurück.
„Dass die Idee zur Nutzung der Flächen von der „Stabstelle für Wirtschaftsförderung und Standortmarketing“ stammt, hat seinen Grund“, erklärte Bürgermeister Olaf Kühn bei der Vernissage und ließ ein prinzipielles Bekenntnis zum Wert der Kulturunterstützung durch die Gemeinde folgen. Kunst sei ein „weicher Standortfaktor“, also eine Art Baustein des Erscheinungsbildes nach außen.
Er formulierte sogar eine Verantwortung und „Daseinsfürsogeverpflichtung“ seitens der Gemeinde gegenüber Kunst und Kultur. Seine Kritik galt der Verquickung von Kunst und materiellem Denken, dass sie auf den „Warencharakter“ reduziere.
Der Ästhetisierungsprozess im Sinne der Nutzbarmachung von Kunst reiche sogar bis in die Politik, wie aufwendig geführte Wahlkämpfe bewiesen. Das Rezeptionsverhalten habe sich gleichfalls ungünstig entwickelt, so dass Kunst nur unter dem Aspekt des Marktwertes taxiert, aber nicht wirklich wahrgenommen werde. Dem gesellschaftlichen Wandel gelte es auch auf kommunaler Ebene zu begegnen: „Wir werden älter, weniger und bunter“, beschrieb Kühn den demographischen Wandel und die Zunahme an Neubürgern mit Migrationshintergrund.
Dazu zähle die Gewähr, selbst in Zeiten schwieriger Haushaltslage den Etat für die Kultur nicht zu schmälern, denn der für Kunstschaffende verfügbare Raum sei von großer Bedeutung.
Gerne übernahm der Bürgermeister – der selbst auf ein Kunststudium zurückblickt – die Einführung zu den Exponaten. Er pries Vadim Lapinskij als weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannten Künstler mit internationaler Ausstellungserfahrung. Sein unverwechselbarer Stil lasse die exquisite Ausbildung an der Kiewer Akademie erkennen. Seine intensive, philosophische Beschäftigung mit Themen bringe stets erstaunliche bildnerische Umsetzungen mit „der Verführung zum zweiten Blick“. Erfolgreich ist auch Magdalena Flammiger, die zahlreiche Siegerfotos in weltweiten Wettbewerben stellte, so dass sich das hohe Qualitätsniveau harmonisch ergänzt. Sie erhelle den Besuchern das Konzept der Ausstellung: „Falten entstehen durch Bewegung und bleiben danach.“ Die Spurensuche verbindet die Werke der beiden Künstler, Hinterlassenschaften von Prozessen des Alterns, des Wachsens, des Zerfallens – Bewegung vereint Raum und Zeit – in den „Falten“ ist beides aufgehoben.
Auch Detailaufnahmen und fotografische „Strukturanalysen“ lenken den Blick in diese Richtung. Vadim Lapinskij kostet in seinen Tableaus weidlich den Effekt aus, dass schwache Verhüllung den Reiz des Verborgenen erhöht. Die innere Spannung seiner Bilder versteht er zu steigern durch Kontraste weich fließender Materialdarstellungen und bevorzugt weiblicher Torsi mit scharfkantig architektonischen Elementen. Mit einer reduzierten, in sich aber umso nuancierteren Farbpalette kreiert Lapinskij eine hingehaucht mystische, zeitentrückte Atmos-phäre. Vor diesem zurückhaltenden Grundton entfalten die Konturen vielleicht ihr Geheimnis – auf den zweiten Blick, denn der Künstler ist ein Meister der dezenten Akzente.
Foto von Stefan Oelsner.
Dieser Artikel erschien in der Dezemberausgabe (Nr. 160) des Melibokus Rundblick.
