Raritätenreichtum von Schiefertafel bis Abakus
Pläne zu einem „Museums-Schulzimmer“ aus den Erträgen langer Sammelleidenschaft von Erika und Konrad Witt werden in Seeheim konkreter
SEEHEIM-JUGENHEIM, Juli 2013 (pem), Lehrer Lempels Lernwelt lagert im Keller des Seeheimer Haus Hufnagel. Ein wahrer Raritätenschatz des Schulwesens birgt Zeugnisse der Epochen vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Die Anzahl der ABC-Schützenalltags-Utensilien lässt sich kaum beziffern.
„Den Versicherungswert veranschlagt man mit gut 20.000,- Euro“, taxieren Erika und Konrad Witt. Die beiden Vollblutpädagogen trugen seit den frühen 80er-Jahren alles zusammen, was das Bildungswesen von einst illustriert. Aus den lokalen Sammlern wurden im Ruhestand bald Floh- und Antikmarktjäger.
„Lernen, Lehren und das gesamte Umfeld trifft unser historisches Interesse“, erklärt Erika Witt. „Schule macht ebenso prägende Teile des eigenen Lebens aus.“ Einige der Einrichtungsgegenstände kennen sie noch aus der frühen Praxis ihrer Referendariate.
„Am Anfang des Sammelns stand der zufällige Müllplatzfund. Das Metallgestell aus dem Ober-Beerbacher Klassenzimmer restaurierte ich im Werkunterricht mit den Schülern zur Schulbank,“ erinnert sich Konrad Witt. Zu dieser Zeit wurden viele Dorfschulen aufgelöst, sechs im Ortsgebiet. Spektakuläre Stücke flossen der Sammlung zu. Schulglocke und Harmonium aus Malchen, der Schwalbenschwanzrock des Lehrers sowie seine Peitsche, der Strafklotz zum schmerzhaften Knien. Eine Fülle von Lehr- und Arbeitsmaterial vom Griffelspitzer und Tintenfass über Tafeln und Fibeln, Landkarten und Naturkundebilder, Handarbeitsmustertücher bis hin zu großen Einrichtungsstücken wie Pulten warten nun auf ein zweites Leben als museales Anschauungsmaterial. „In unserem Alter möchten wir unser Lebenswerk gut aufgehoben wissen“, wünscht sich Erika Witt.
Das öffentliche Interesse an der Kollektion ist groß, Schulen bitten um Ausleihe von Teilbereichen unterschiedlichen Umfangs. Zur Dauerpräsentation fehlte der Raum.
Die tschechische Partnergemeinde warb darum in Kosmonosy ein Museum zu installieren. Bürgermeister Kühn sprach sich aber für einen Verbleib der Sammlung in der Gemeinde aus.
Der Museumsverein sprang mit in die Bresche: „Die Schulsammlung wäre ein Symbol von internationaler Bedeutung für Seeheim-Jugenheim als Bildungsstandort,“ versicherte Vorsitzender Jürgen Eck. Unvergessen ist die vom Verein konzipierte Ausstellung „500 Jahre Bildung“, die an die Vielfalt der Einrichtungen erinnerte von der ersten Gründung 1507 bis zum Pädagogischen Institut, der Volkshochschule, Lufthansazentrum, Bibelschule, Schuldorf und International School im 20. Jahrhundert.
Aus der positiven museumspädagogischen Erfahrung ließe sich mit dem Witt´schen Kulturschatz ein weiterer „außerschulischer Lernort“ gestalten. „Raum kann geschaffen werden durch den Ausbau der Scheune hinter dem Museum“, plant Eck. Im unteren Teil entstünde ein von Vereinen zu nutzender Versammlungsraum, während einer eingezogenen Zwischenebene ein historisches Klassenzimmer angelehnt an den Dimensionen der Ober-Beerbacher Schule beherbergte.
Auflagenfrei stimmte der Denkmalschutz dem Projekt zu, der Museumsverein trüge einen erheblichen Teil der Finanzierung. Der Wert der Ausstellung bestehe darin „als Element der örtlichen Zeitgeschichte den Ortskern zu bereichern und identitätsstiftend für die Ortsteile wie die gesamte Region zu wirken“, prognostiziert Eck. Die Pläne sind auf den Weg gebracht, nun ist es an den Gremien der Gemeindeverwaltung zu entscheiden.
