Sinnenfreudige Spaziergänge auf Großherzogs Spuren in Auerbach
Bei Parkführungen im Auerbacher Fürstenlager können Besucher der adligen Landlust zwischen erhabener Gartenphilosophie und deftiger Bauernvesper nachspüren
AUERBACH, April 2015 (pem), Wahrnehmen, fühlen, sich ergötzen: so möge man sich dem Kunstwerk ohne Künstlichkeit hingeben. Das wünschten alle die großen Meister, die sich erfolgreich darin versuchten, mit ausgeklügelter Raffinesse Naturästhetik von Menschenhand zu schaffen. Eine Welt in Miniatur, denn auf dem 42 ha Gelände sind über 50 exotische Bäume und Büsche angesiedelt und Gebäude-Elemente sorgen für länderspezifische Impressionen. Der Englische Landschaftsgarten ist Vegetation und Architektur gewordene Lebensphilosophie und will ein Abbild des Lebens selber sein. Keinerlei Umfriedung grenzte die Bevölkerung vom „großherzoglichen Gesundbrunnen Garten“ aus, jedermann konnte „die Herrschaft auf Wiesen lagern“ sehen (daher der volkstümliche Name: Fürstenlager).
Jeden, der auf eigene Faust das Auerbacher Fürstenlager durchstreift, werden der Charme der Anlage, die Vielfalt der Pflanzen und die abwechslungsreichen Aussichten in die Umgebung von Odenwald, Bergstraße und Rheinebene in den Bann schlagen. Eine fachkundige Führung bereichert die Faszination allerdings ungemein. Zwischen Mai und Oktober bieten der Parkverwalter Stefan Jagenteufl und seine Mitarbeiter solche gut zweistündigen Rundgänge mit thematischen Schwerpunkten im Fürstenlager an.
Um den Besuchern die Landlebenslust früherer Tage in ganzer Fülle nahe zu bringen, gehört zu den meisten Rundgängen eine Brotbackvorführung und eine zünftige abschließende Bauernvesper. Als Ludwig X das Kurareal um die eisenhaltige Heilquelle zur Sommerresidenz ausbauen ließ, entstanden auch zahlreiche der Versorgung dienende Hofgebäude, die das „Dörfchen“ bilden.
Der 1783 gesetzte Steinofen leistet heute noch gute Dienste. 2,80 m tief, 1,45 breit fasst er schon 50 Zweipfünderbrote. Über einen vierstündigen Anheizprozess ist die Abbacktemperatur erreicht. Zügig und mit geübter Handhabung des langstieligen Schobers beginnt das „Einschießen“ der Teigrohlinge, vorbereitet aus 90% Roggen und10% Weizen von der Weststadtbäckerei Jakob. Anstrengende Arbeit für Stefan Jagenteufl und seinen Assistenten, noch aufwendiger wird später die Ofenreinigung. Nun aber Ofenklappe zu – und los geht der Fußmarsch zu „Ein- und Ausblicken im Fürstenlager“.
Die Gaumenfreuden werden auf den Augenschmaus folgen, doch der köstliche Brotbackduft umspielt die Nase auf allen Wegen. Im Aufstieg genießt man den Blick auf die „Toskana“ mit Wingert und Pappeln, die Zypressen imitieren. Man verweilt an Zedernwiesen, die Amphitheatern gleichen, klettert weiter empor und erreicht das Teehäuschen und das „romantische Fenster“.
Ein atemberaubender Panoramablick erwartet einen am Freundschaftsaltar, dem Gedenkstein der innigen Zuneigung Ludwigs zur Gemahlin Luise.
Zu Füßen liegen einem Wälder und Weinberge, von der Starkenburg bis Mannheim, über die Pfalz zum Taunus. Vorbei am 3-Ländereck, wo einst Kurmainzer, Hessen-Darmstädter und Erbach-Schönberger Gemarkung aufeinander trafen, steigt man ab zum griechischen Tempelchen, das mit seinen weißlackierten Holzsäulen aus der Ferne wie edelster Marmor wirkt. Und dann noch ein Stück gewaltige Natur: Kalifornien grüßt mit Sequoias, 150 Jahre alt und 53 m hoch! Trotz der vielen wunderbaren Eindrücke hat sich niemand satt gesehen, im Gegenteil eher hungrig gelaufen. Freudig lässt man sich an der vorbereiteten Tafel nieder zur Bauernvesper mit guten Weinen, Blut- und Leberwurst, Hand- und Kochkäs‘, alles natürlich auf original köstlichem Steinofen-Bauernbrot! Zurück aus der „Erhabenheit der Natur“ gibt man sich nun der „ländlichen Heiterkeit“ hin – ganz nach Ludwigs Lust und Sinn!
Die nächste Brotbackführung findet am 2. Mai statt. Um voherige Anmeldung wird unbedingt gebeten unter Telefon 06251/93 460 oder per Mail info@schloesser.hessen.de. Ein Jahresprogramm über die Führungen 2015 wie botanische Führungen, Märchenbrotbackführungen, Geist und Körper in Bewegung, die Heilkraft des Wassers, auf den Spuren der Romantik uvm. findet man unter www.schloesser-hessen.de.
