Seeheim-Jugenheim, Startnews

Die ehrenamtlichen Helfer der Seeheimer Tafel rund um Mitinitiator und den zweiten Vorsitzenden der Darmstädter Tafel Gert Hauschild und Wirtschaftsleiter Roman Zarenkow versorgen ihre Kunden jeweils dienstags von 11.00 bis 13.00 Uhr mit Lebensmitteln. Foto: soe
18. Dezember 2020 

Soziale Mission

Die Tafel in Seeheim verteilt seit einem Jahr Lebensmittel an Bedürftige

SEEHEIM-JUGENHEIM, Dezember 2020 (pes), Erst war es ein politischer Auftrag. Jetzt ist es eine soziale Mission: seit knapp einem Jahr gibt es eine Tafel in Seeheim-Jugenheim. Die Initiative des Vereins Darmstädter Tafel mit der AWO Seeheim-Jugenheim hat im Haus Hufnagel eine Heimat gefunden. Rund 50 Menschen werden hier einmal die Woche, immer dienstags, mit Lebensmitteln versorgt. Knapp 20 ehrenamtliche Helfer packen mit an und sorgen dafür, dass ein organisatorisches Großprojekt reibungslos über die Bühne gehen kann.


Mittlerweile wird der lokale Ableger gut angenommen. „Bei manchem gab es durchaus Berührungsängste“, berichtet Gert Hauschild aus dem Vorstand des Darmstädter Vereins, der in Seeheim eine Art Außenstelle eröffnet hat. Die anfängliche Scheu, bei vielen Tafel-Neustarts eine normale Erscheinung, hat sich längst gelegt. Das Haus gilt für viele nicht nur als willkommene Verteilstation für den täglichen Bedarf, sondern hat sich bald auch zu einem geselligen Treffpunkt entwickelt, wo man persönliche Sorgen und Nöte kommunizieren und mit anderen ins Gespräch kommen kann – zumindest in der Zeit vor dem Corona-Lockdown. Seither müssen auch die Organisatoren auf Abstand und Hygiene achten. Eine Herausforderung, die laut Hauschild bislang sehr gut funktioniere. Der beliebte Mittagstisch vor Ort kann bis auf weiteres aber nicht stattfinden. Die Ausgabe findet derzeit auf der Terrasse statt.
Die Idee, in Seeheim-Jugenheim eine Tafel einzurichten, geht auf die Ärztin Gabriele Trebeljahr zurück, die vor allem bei älteren Patienten einen großen Bedarf für eine solche Unterstützung erkannt hatte. Neben der klassischen Altersarmut können auch der Verlust des Arbeitsplatzes oder radikale Brüche im familiären Umfeld zu einer existenziellen finanziellen Notlage führen. Treffen kann es jeden. Irgendwann stellte die Seeheimer Ärztin fest, dass sich viele Senioren oder Alleinerziehende aufgrund eines niedrigen Einkommens kaum noch Essen oder Medikamente leisten konnten. Kurz: es herrschte akuter Handlungsbedarf.
Eine politische Entscheidung im Herbst 2018 brachte Schwung in die Sache. Die Gemeinde hatte einen Runden Tisch ins Leben gerufen, zu dem potenzielle Kooperationspartner eingeladen waren. Die beiden Arbeiterwohlfahrts-Ortsgruppen Seeheim und Jugenheim sagten daraufhin ihre Unterstützung zu. Die Gemeinde stellte das Haus Hufnagel einmal wöchentlich kostenlos zur Verfügung. „Das ist Luxus“, so Gert Hauschild über die großzügigen Räumlichkeiten im Zentrum der Bergstraßenkommune. „Diesen Platz haben wir in Darmstadt leider nicht.“
Die Macher danken dem zuständigen Fachdienstleiter bei der Gemeinde, Ralf Sturm, und Nadine Muth vom Bürgerbüro für die gute Zusammenarbeit. Aber es braucht noch mehr Komplizen, um eine logistisch anspruchsvolle Initiative wie die Tafel zu stemmen: fast alle Märkte im Umkreis spenden Lebensmittel. Täglich fahren die ehrenamtlichen Teams mit Kühlfahrzeugen Supermärkte und Einzelhändler ab, um die Waren einzusammeln. „Lebensmittel retten. Menschen helfen“, lautet das Motto der Hilfsorganisation. Eine von über 940 Tafeln in ganz Deutschland. „Wir sind sehr gut vernetzt“, sagt Wirtschaftsleiter Roman Zarenkow. Er ist seit vier Jahren dabei und lobt das Engagement der Helfer, die hier aus Überzeugung eine gute und sinnvolle Arbeit leisten. Und auch die Kunden sind froh, sich hier unkompliziert und auf Augenhöhe mit den Teams versorgen zu können. Es herrscht ein freundlicher, familiärer Umgangston.
„Wir wollten die Hürden möglichst niedrig halten“, begründet Gert Hauschild die Entscheidung, auf eine Prüfung der Bedürftigkeit zunächst zu verzichten. Im Verlauf des kommenden Jahres ist geplant, dass Kunden einen Rentenbescheid oder einen Grundsicherungsnachweis vorlegen, um in die Tafel-Kartei aufgenommen zu werden. Auch eine kleine, symbolische Kaufpauschale ist angedacht. Vielleicht in der Größenordnung von 1,50 Euro. Noch ist nichts entschieden. Bislang läuft das eher leger: jeder registrierte Nutzer hat eine Art Ausweiskarte, über die er oder sie sich identifizieren können. Das klappt sehr gut, betont Gert Hauschild.
Nudeln und Reis, Obst und Gemüse, Mehl und Konserven: Das Buffet ist reichhaltig und abwechslungsreich. Saisonale Spezialitäten spiegeln sich im Angebot: Erdbeeren, Kürbis oder Mandarinen. „Es gibt nicht immer alles, wir sind kein Vollversorger“, betont Zarenkow. Zugekauft wird nichts. Die Besucher werden gebeten, eigene Taschen mitzubringen. Vor Ort wählen sie aus, was sie benötigen und – ganz wichtig – was sie mögen. Denn es bringt nicht, sich die Taschen mit Dingen vollzupacken, die zuhause in den Müll wandern. Das Tafel-Team achtet auf einen wertschätzenden und nachhaltigen Umgang mit der Ware, die nicht nur abgeholt, sondern bei Bedarf auf gebracht wird. Die GGEW AG hat der Tafel ein Elektroauto zur Verfügung gestellt. Wer nicht persönlich zum Haus Hufnagel kommen kann, wird abgeholt. Sollte die Nachfrage in Seeheim steigen, müsste der Verein einen weiteren Ausgabetag organisieren. „Wir sind flexibel“, so Gert Hauschild, der zuversichtlich auf 2021 blickt. Die Sozialmission der Überzeugungstäter geht weiter. „Hoffentlich auch bald wieder mit einem gemeinsamen Mittagessen“, so Roman Zarenkow. Und: Ehrenamtliche Helfer jeden Alters sind herzlich willkommen. Die Ausgabe erfolgt immer dienstags von 11 bis 13.00 Uhr.