Tierwelt zwischen Agrargefahr und Stadtschutzraum
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Internationales Forum“ am Schuldorf Bergstraße hielt als Experte hielt Prof. Josef H. Reichholf einen packenden Vortrag zum Thema „Ende der Artenvielfalt“
SEEHEIM-JUGENHEIM, 05. Oktober 2012 (pem), Das Foyer der International School ist gut gewählt als Veranstaltungsort für die Vortragsreihe des „Internationalen Forum“. Der Leiter des Schuldorf Bergstraße, Ronald Seffrin, wies auf die Korrespondenz zwischen dem grenzüberschreitenden Geist der Institution und den weltumspannenden Problematiken mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit, die in dieser Reihe namhafte Referenten thematisieren, hin. Durch einen Evolutionsbiologen sollte den Betrachtungen ein neuer Aspekt hinzugefügt werden. Mit Josef H. Reichholf, Professor für Ökologie und Naturschutz an der TU München, konnte man einen Experten auf diesem Gebiet gewinnen.
Die dauerhafte Brisanz des Themas traf das Interesse der Publikumsschar. Geht man von der Bedrohung der Artenvielfalt aus, ist der Mensch ebenso gefährdet: Ein Straßenmusiker spöttelte: “Mir ist, als sägt der Mensch am Ast auf dem er sitzt, der zu ihm passt. Mir ist, als ob zum fatalen Geritsche und Geratsche er eitel und stolz auch noch verblendet Beifall klatsche!“
Evolution ist die Balance des nach seinen eigenen Gesetzen voranschreitenden Lebens, das sich in entsprechenden Formen ausprägt. Flora und Fauna als Mitgeschöpfe zu betrachten, ergibt sich daraus. Der Mensch könnte behütender Begleiter sein, wenn er sein Einordnungsverhältnis (als „Primus inter pares“) akzeptierte.
Das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit, wuchs stetig. Welch große Hoffnungen verbanden sich mit dem „Erdgipfel von Rio“. Man verabschiedete Deklarationen, Beschlüsse, Selbstverpflichtungen zu verantwortungsvollem, nachhaltigen Handeln. Kläglich blieb die Umsetzung auf der Strecke, ebenso bei „Rio plus 20“ Widerstände seitens der Entwicklungsländer und der Agrarwirtschaft brachten die Konferenz zum Scheitern.
Das globale Denken läuft nicht rund. Die Frage, ob man sich nicht auf wenige „nützliche“ Arten beschränken könne, zeugt vom Geist der Anmaßung. Es sind Menschen, die nach jeweiligen wirtschaftlichen Perspektiven Bewertungen festlegen. Kurzsichtige, nicht nachhaltige, Strategien für eine ertragsoptimierte Umwelt. Mit vielen frappierenden Beispielen und markanten Thesen illustrierte Professor Reichhold die im doppelten Sinne „verkehrte“ Welt: Wegen radikaler chemischer Bearbeitung entwickeln sich Agrarflächen zur Bedrohungszone, Städte zur Fluchtburg der Tiere?
Die Verhältnisse stehen Kopf: am Münchner Stachus zählte man eine höhere Schmetterlings- Population, als auf den Umlandfeldern. Verkehrte Welt heißt auch: dies ist der falsche Weg. Den greifenden Hebelpunkt zu einer Wende sieht Professor Reichholf in der Landwirtschaft. Die dafür aufgewendeten Gelder müssen sinnvoll fließen. Schluss mit unnötigen Subventionierungen von „Schnäppchenpreisen“. „Fakten darüber müssen offengelegt werden, damit jedem klar wird, gute Landwirtschaft muss gutes Geld bekommen.“ D.h. Konzentration auf ökologisches Produzieren und regional sinnvollen Anbau.
“Wir können sicher sein, dass die Lebensvielfalt nicht nur eine Spielerei und Laune der Natur ist,“ betonte Professor Reichholf. “Sie hat schon eine große Bedeutung für den Fortbestand des Lebens.“ Mit seinem Schlusswort richtete er sich an die Schüler mit dem Appell: “Unsere Generation hat es noch nicht hingekriegt. Jetzt seid ihr dran! Macht´s besser!