Seeheim-Jugenheim

Einen Querschnitt ihrer Arbeiten zeigten die Teilnehmer und Kursleiter in ihrer Ausstellung. Hier Conelia Herpel-Mattutat und Hedwig Busalt-Keune. Foto: S. Oelsner
07. Juli 2014 

Viele Wege führen zur Kunst

Die Werkstatt „Sonne“ präsentierte die Ausstellung „Alles Kunst – oder was?“ in Jugenheim

SEEHEIM-JUGENHEIM, Juli 2014 (pem), Kunst ist alles, was man dazu erklärt? So einfach scheint die Sache doch nicht zu sein. Stellvertretend für das Dozentenkollegium der „Werkstatt Sonne“ übernahm Reiner Prinz die Eröffnung der Ausstellung von Schülerarbeiten.

In seiner Begrüßungsrede erläuterte er die Frage, die schon Generationen von Wissenschaftlern und Philosophen bewegte: Wie der Begriff Kunst zu definieren sei. „Kunst ist wenn man es nicht kann, denn wenn man es kann, ist es keine Kunst mehr“, schlug er einen Nestroy-Aphorismus vor. Tatsächlich kommt man mit diesem Zitat dem Phänomen gut auf die Spur.

Es geht nicht um Bekanntes, Beherrschtes, sondern um das Fragen, Experimentieren, Herausfinden. Kunst liegt im Schaffensprozess, mehr als im abgeschlossenen Oeuvre.

Wo Kunst gut, d.h. authentisch, ist, wird man dem in den Werken nachspüren können. Ein geschaffenes Objekt bringt einen Teil der Persönlichkeit zum Ausdruck. Man begegnet dem wieder, was die Aufmerksamkeit des Künstlers zu seiner Inspiration entzündet hat, welche Befindlichkeit ihn lenkte oder aus welcher Perspektive er seine gezeigte Welt wahrnahm.

Deshalb entzieht sich Kunst solcher Bewertungen wie „schön“, „hässlich“ und dergleichen. Jedes Werk
stellt ein einmaliges Angebot der Künstler dar, mit seinem von ihm neu geschaffenen Stückchen Welt an den Betrachter heranzutreten, um mit ihm in Kontakt zu treten.

„Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ bedeutet, dass der Schauende in seinem Inneren erst das Werk vollendet und so mitarbeitet an der Kunst. Kunst will wirken. Der Betrachter entscheidet, sich auf die Kommunikation einzulassen oder fühlt sich nicht angesprochen, wenn das Werk ihm nichts zu sagen hat. Kunst birgt immer nur individuelle Herausforderung und Chancen. Sie bleibt ein Wagnis zugleich. Bewusst hat man mit dem Ausstellungstitel „Alles Kunst- oder was?“ den Schülern und Kursteilnehmern kein eindeutiges, direkt umsetzbares Thema an die Hand gegeben, wohl aber einen Freibrief erteilt zu uneingeschränkter kreativer Produktion.

Man konfrontierte die Aktiven mit einer Besinnungsaufgabe. „Alles Kunst“ ruft eine spontane Verneinung hervor. Nun gilt es aber für jeden zu prüfen, worin seine individuellen Kriterien für „Kunst“ liegen, welche ästhetischen Werte er für sich als maßgeblich erachtet.

Oft kostet es Zeit, Enttäuschungen, Kraft und Enthusiasmus, den eigenen richtigen Weg zu finden. Manches ambitionierte Ringen mit Materialien und Techniken geht wie Wehen der „Geburt“ eines Künstlers voraus.

Die „Werkstatt Sonne“ sieht ihre vornehmliche Aufgabe darin, Entfaltungsprozesse zu begleiten. Die stets von fachlich kompetenten Dozenten geleiteten Kurse leisten technische Hilfestellung. In ihren
Anfangsjahren widmete sich die „Sonne“ ganz der Arbeit mit Kindern, ausgerichtet auf Anregung der Fantasie und Förderung der Kreativität einerseits, Vermittlung kunsttheoretischer Grundbegriffe und
Gestaltungsmethoden andererseits.

Doch auch bei Erwachsenen besteht das Bedürfnis nach solidem Erlernen von Werkzeughandhabungen, Verfahren sowie speziellen Praxistricks der Profis. So wuchs das Kursangebot zusehends, Workshops und
Einzelveranstaltungen bereichern es zusätzlich. Das bunte Kaleidoskop der Möglichkeiten spiegelt sich in den Exponaten wieder, vom zarten Objekt aus Hand geschöpftem Papier und Naturmaterialien bis zur
massiven Bronzegussplastik.

Die großen Skulpturen genießen das gefällige Ambiente des Forsthausgartens, wo ebenfalls frech-farbige Graffitis ihren jungen Charme versprühen. Die Wände des Alten Rathaussaales zieren Aquarelle, Acrylbilder, Drucke und Collagen, Stillleben und Naturstudien, neben Portraits und abstrakter Farbharmonie und Formschwelgerei. Specksteinschnitzereien, Keramiken und kleinere, figürliche Arbeiten faszinieren in der dritten Dimension.

Ein Besuch der Ausstellung wird den staunend Schauenden einige wundervolle Momente bereiten, denn jeder wird auf Werke treffen, mit denen er „in Zwiesprache“ kommt. Kunst „ist“ nicht gut, aber sie tut gut. Sie ist so wertvoll, wie die Menschen, die ihr dienen, die Gemeinschaft aus Künstlern, Betrachtern und denen, die der Kunst ihren Lebensraum geben.

Cornelia Herpel-Mattutat tut das mit Engagement, Herzblut und Ideenreichtum, so dass die „Sonne“ der Kunst an der Bergstraße noch lange und hell leuchten wird.