Seeheim-Jugenheim

Unser Foto zeigt (v.li.) Christel Flath, Hubert Rodemich und Rosemarie Iversen. Foto: S. Oelsner
24. November 2013 

Zeitbogen im Künstlerkreis Seeheim-Jugenheim

Die Ausstellung der Malwerkstatt-Schülerinnen in der Treppenhausgalerie des Seeheimer Historischen Rathauses ist in ihrer Vielfalt zugleich eine Hommage an die unvergessene Lehrerin Armida Voss

SEEHEIM-JUGENHEIM, November 2013 (pem), Als „kulturlustig“ und angenehm „kunstlastig“ präsentiert sich Seeheim-Jugenheim auf seiner Touristeninformations-Webseite. Man weist auf die bemerkenswerte Häufung von Kunstschaffenden hin, die sich die Gemeinde zum Lebens- und Arbeitsmittelpunkt gewählt haben. Hier blüht auch Kreativität!

Individualismus zeichnet sicher Künstler aus, doch zu Unrecht geraten sie in Verdacht des eigenbrötlerischen Einzelgängertums. Lebenszugewandheit, Genussfreude und Geselligkeit stehen dagegen. Einst bot der „Blaue Ofen“ genau das richtige Ambiente, ein wenig Boheme-Flair zu pflegen mit inspirierenden Zusammenkünften und als Galerie Schnittpunkt zur Öffentlichkeit.

Aus dem kollegialen Austausch strukturierte sich allmählich der Künstlerkreis. Die Bündelung der schöpferischen Potenziale eröffnete über Ausstellungen hinaus viele neue Möglichkeiten. Der Kulturbetrieb der Gemeinde gewann eine spürbare treibende Kraft hinzu. Für Veranstaltungsorganisationen von Planung bis Durchführung legten sich die Mitglieder tatkräftig ins Zeug.

Spitzenleistungen waren stets die „Kulturtage“, die sogar überregionales Ansehen erlangten. Mit Kunst auf Menschen zu zugehen, bedeutet für einige Künstler immer auch Kurse in verschiedenen Techniken anzubieten. Soviel wie möglich von ihrem Können weiter zu reichen und mit der ganzen Kraft der eigenen Begeisterung andere zur Kreativität zu ermuntern, war einer der Frauen der ersten Stunde stets ein besonderes Anliegen. Armida Voss, die als Dozentin, vhs Kursleiterin und Workshop Veranstalterin mit Hingabe im Umfeld interessierter Laien tätig war. Ihre Zugehörigkeit zum Künstlerkreis empfanden die übrigen Mitglieder als ungeheure Bereicherung. Schon durch ihre vielseitige solide handwerkliche Ausbildung war das hohe Niveau ihrer Werke sehr geschätzt. Grundlage schufen Tätigkeiten als Grafikerin und Kostümzeichnerin. Sie hörte Vorlesungen in Psychologie. In der Mitte ihres Lebens wandte sie sich dem Gestalten von Charakterpuppen zu und stattete eine Marionettenbühne aus. Expressiver, manchmal auch phantastischer Realismus ist die bevorzugte Ausdrucksform in ihrem bildnerischen Schaffen.

Je nach Sujet oder innerem Anliegen wählt sie zwischen Öl, Gouache, Aquarell, Radierung und Holzschnitt, immer die Zeichnung als Grundlage. Technik stand im Dienste des Ausdrucks. Kunst bedeutete für sie die Umsetzung von Welterfahrung, innerer wie äußerer. Deshalb blieb das Spiel mit der Abstraktion ein unbefriedigender Versuch für sie, von dem sie sich bald abwandte. Sie gelangt umso überzeugter zur Gegenständlichkeit, nachdem sie das Verfremden und Reduzieren zu reinen Farbflächen „in seiner Leblosigkeit zu langweilen begonnen hatte.“

Durch ihre persönliche Ausstrahlung, das offene und trotz aller Belastung heitere Wesen nahm sie viele Menschen für sich ein und verfügte als Lehrerin über einen intensiven Zugang zu ihren Schülern. Armida Voss lebte Kunst. In Zeiten ihrer schweren Krankheit war sie Kraftquelle im Überlebenskampf, den sie 2006 doch verlieren musste. Sie verstand Stärken der in Malkreisen um sie Gescharten zu erkennen und die jeweils ganz persönliche Expressivität zu unterstützen, als sensible und einfühlsame „Entwicklungshelferin“. Ihre Gruppen, vornehmlich die Malwerkstatt, erfreuten sich großer Beliebtheit und oft treuer langjähriger Anhängerschaft.

Die in der Seeheimer Treppenhausgalerie des Historischen Rathauses zusammengestellte Bilderschau ihrer Schülerinnen stellt eine Hommage an Armida Voss dar. In den Werken glaubt man als verbindendes Element etwas von ihrer Impulsivität sowie die Liebe zur klaren Form- und Farbgestaltung gespiegelt zu sehen.

Sie lassen den Betrachter den Zeitbogen darin aufspüren. Auf eigenen Wegen trugen die neuen Künstlerinnen ihren Geist weiter. Die Dynamik ist dem Künstlerkreis eigen. Der Rückschau und dem Erinnern gibt man Raum ohne den der Innovation dadurch zu schmälern.