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Nach 43 Stunden und 36 Minuten fuhr Sebastian Breuer als Erster über die Ziellinie. Für den Extremsportler sein bislang größter Erfolg. Foto: Nils Längner
21. Dezember 2022 

43 Stunden ohne Schlaf auf dem Rad

Bensheimer Sebastian Breuer gewinnt Badlands-Rennen durch Süd-Spanien

BENSHEIM, Dezember 2022 (erh), Das Badlands-Off-Road-Radrennen ist 780 Kilometer lang. Sebastian Breuer ist 785 Kilometer gefahren – und hat die mega-anstrengende Tour durch den wilden und staubigen Süden Spaniens trotz des Umweges gewonnen. „Ich habe mich auf einer Abfahrt verfahren.“ Die Extrarunde war kein großes Ding für den Wahl-Bensheimer.

Zum Zeitpunkt des kleinen Missgeschicks hatte er sich bereits einen ordentlichen Vorsprung auf die Konkurrenz herausgearbeitet. „Es wäre sogar noch ein Power Nap drin gewesen.“ Auf Schlaf hat der 32-Jährigen während des gesamten Rennens bewusst verzichtet. „Schlafen geht nicht, wenn man ums Podium mitfahren will.“ Nach 43 Stunden und 36 Minuten fuhr Breuer als Erster von 197 Einzel-Startern und Starterinnen über die Ziellinie, rund zwei Stunden später folgte der Zweitplatzierte.

Für den Europameister und Deutschen Meister im Mountainbike-Ultra-Marathon des Jahres 2021 ist der Badlands-Sieg der bislang größte Erfolg seiner Karriere. Im Oktober fuhr er die erstmals ausgetragenen Gravel-Weltmeisterschaften in Italien und belegte in seiner Startklasse den fünften Rang. Ende November hat Sebastian Breuer das „Race across the Andes“ bestritten, das über 1100 Kilometer durch Chile verläuft. Das Badlands-Rennen führte in diesem Jahr von Granada durch die Sierra Nevada mit dem Pico del Veleta (3336 Meter) als höchstem Punkt über das wüstenähnliche Gorafe-Gebiet, durch die Tabernas-Wüste, der einzigen Wüste Europas, entlang der südöstlichen Mittelmeerküste in den Zielort Capileira, einem Dorf in der südlichen Sierra Nevada.

Die reguläre 780 Kilometer-Distanz mit insgesamt 16.000 Höhenmetern musste überwiegend abseits asphaltierter Straßen auf trockenen Schotter-Pisten bewältigt werden. Die Temperaturen bewegten sich Anfang September zwischen 12 und 42 Grad. „Das war ganz okay.“ Bei früheren Auflagen waren die Wetterbedingungen häufig extremer mit Höchsttemperaturen bis zu 50 Grad.

Aufgrund der besonderen klimatischen und streckentechnischen Herausforderungen gilt Badlands (englisch für schlechtes Land) als eines der härtesten Bikepacking-Rennen überhaupt. Mit einem Sieg macht man sich einen Namen in der internationalen Szene. Entsprechend groß war das Echo nach Breuers Triumph. Die Zahl seiner Follower auf Instagram verdoppelte sich innerhalb weniger Tage, Glückwünsche aus Übersee gingen bei ihm ein, er erhielt zahlreiche Interview- und Podcast-Anfragen. Das ARD-Mittagsmagazin sendete einen Beitrag über ihn. „Die Resonanz war überwältigend.“Mit Badlands hatte Sebastian Breuer noch eine Rechnung offen. Im Vorjahr musste er wegen einer allergischen Reaktion in Folge eines Wespenstichs nach 180 Kilometern vom Rad steigen. „Der Gedanke daran hat mich 365 Tage lang begleitet.“ Das Abenteuer auf die beste Art bestanden zu haben, erfüllt ihn mit Stolz und Genugtuung. „Das Gefühl es geschafft zu haben, ist unglaublich.“ An seine Grenzen zu gehen, und sogar ein bisschen darüber hinaus, sowie den Willen aufzubringen, sich dieser Challenge zu stellen, waren für Breuer der Antrieb, die Tortur durchzustehen. Dass er die Herausforderung als Amateur, er ist als Liaison Manager für einen Hersteller von Fahrradreifen tätig, quasi nebenbei gemeistert hat, verleiht seinem Sieg eine spezielle Note, findet er. „Dadurch fühlt es sich irgendwie noch wertvoller an.“

Die Nachwirkungen des Transcontinental Race haben Breuers Vorbereitung auf Badlands nicht beeinflusst. Ende Juli musste er bei der über 4000 Kilometer langen Schleife durch Europa nach fünf Tagen und absolvierten 1900 Kilometern aussteigen. Kniebeschwerden und eine schmerzhafte Druckstelle am Gesäß machten eine Weiterfahrt damals unmöglich. Für Badlands veränderte der Radsportler seine Sitzposition auf seinem Gravel-Bike und kam bis auf schmerzende Handgelenke ohne Beschwerden und ohne Pannen durch.

Größte körperliche Belastung beim Trip durch Andalusien war der Schlafentzug. „Davor hatte ich Respekt. Und es war auch wirklich hart.“ Je größer sein Vorsprung wurde, nach rund 180 Kilometern hatte er sich aus einer mehrköpfigen Spitzengruppe gelöst, umso kleiner wurde für ihn das Schlafproblem. Bei Bedarf wäre in der Endphase locker ein kleines Nickerchen drin gewesen. Da Schlafen nicht zum Plan gehörte, hatte er beim Reisegepäck auf Schlafsack und Isomatte verzichtet. Armlinge und Regenjacke waren an Bord, ansonsten waren die Satteltaschen „vollgestopft“ mit Energieriegeln und Getränken.

Badlands ist ein Selbstversorgungsrennen. Die Teilnehmer müssen sich über das Angebot auf der Strecke zu den normalen Geschäftszeiten bei Supermärkten oder Tankstellen verpflegen. Wasser gab es zudem an den öffentlich zugänglichen Trinkwasser-Brunnen. „Blöd nur, wenn einem nachts in der Wüste das Wasser ausgeht.“ Sebastian Breuer kam nicht in eine derart missliche Lage, sein Reservoir war stets ausreichend bestückt. Die Einkaufsbummel waren zumeist die einzigen längeren Pausen, die er sich während der gut 43 Stunden gönnte. Der Einkaufszettel war dabei durchaus überschaubar. 110 Euro hat er für Cola und Snickers ausgegeben, um seinen Energiespeicher aufzufüllen. „Da ist alles drin, was ich gebraucht habe.“