Schul-News, Seeheim-Jugenheim

Erika Witt (links) erklärt die altdeutsche Schrift. Foto: soe
17. April 2015 

Coole Kids in der Anno-Dazumals-Welt von „Fräulein Lehrerin“

„Erlebnisnachmittag Schule wie zu Urgroßmutterszeiten“ – Eröffnung des Seeheimer Schulmuseums am 17. Mai

SEEHEIM-JUGENHEIM, April 2015 (pem), „Echte Begegnungen der Generationen sind wichtig, nicht zuletzt wenn es darum geht, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.“ Das war die stärkste Motivation für Erika Witt, in privater Initiative ein Forum dafür zu schaffen. Seit 2006 setzen Erika Witt und ihre Mitstreiter sich in der Gruppe „JA“ (Jung und Alt gemeinsam) für einen generationsübergreifenden Dialog ein. Ziel ist es, durch besseres und intensives Kennenlernen zum „Aufbau fehlender familiärer Netzwerke“ beizutragen.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass bis in Familienstrukturen hineinreichende Kontakte eher unwahrscheinlich sind. Aber es muss ja nicht gleich die „Ersatzoma“ sein. Großeltern erfüllen im Familienverbund vielerlei Aufgaben und Funktionen. Eine davon besteht im Erinnern. Das Zusammensein mit dem jüngsten Nachwuchs ist unter anderem für ältere Menschen deshalb so wertvoll, weil sie dabei oft die Gelegenheit haben die Schätze ihres langen, erfüllten Lebens selber wieder zu entdecken. Sie stellen fest, wie viel sie zu geben haben, wenn sie mit anderen teilen, sich mitteilen. Es ist die Freude Kinder lernen zu lassen, ohne belehren zu wollen. So geschieht es am besten im Erzählen von persönlichen Erfahrungen; durch authentische Zeitzeugenschaft.

Geschichte in Geschichten verliert den Charakter des Abstrakten und Diffusen. Die Kids scheinen dabei zu genießen, so etwas wie „Insiderwissen“ vermittelt zu bekommen. Mit der gleichen Energie wie den Gedanken des Brückenschlags zwischen Alt und Jung verfolgt Erika Witt ihre Pädagogenpassion. Nach dem Rückzug aus dem Schuldienst frönte das Lehrerehepaar im Ruhestand ungehemmt seiner Sammelleidenschaft für alle Objekte rund um das Schulwesen. Sie trugen eine unglaubliche Materialfülle zusammen, die längst danach schrie, systematisiert zu werden und der Öffentlichkeit Zugang zu verschaffen. Die letztjährige Sonderausstellung des Bickenbacher Heimatmuseums wurde zu weiten Teilen mit Exponaten dieser Sammlung bestückt.

Am 17. Mai wird der Traum der Witts in Erfüllung gehen und die Gemeinde Seeheim-Jugenheim um das Schulmuseum (Kirchstraße 1) reicher sein. Als eine Art Vorpremiere gestaltete die Gruppe „JA“ dort einen besonderen „Erlebnisnachmittag“. Die Räume hatte der Historische Verein provisorisch mit ausgewählten Exponaten hergerichtet. „Schule – wie war das früher?“ stand als Frage über den Aktivitäten, die aus verschiedenen Perspektiven Antworten darauf suchten. Zur anschaulichen Einstimmung diente ein Film.

Das historische Museums-Klassenzimmer, in dessen Bankreihen sich Jung und Alt verteilt hatten, wurde zum Kinosaal. Im Ludwigshafener Schulmuseum entstand ein Film, in dem der Schulalltag anno-dazumal detailreich und humorvoll nachgestellt worden war. Im Mittelpunkt stand „das Fräulein Lehrerin“ als Symbolfigur des Schulwesens, Lehr- und Lernstils sowie der zeitgeistigen Atmosphäre des Kaiserreichs. Moralische Merksätze wie „Die rechte Goldgrube ist der Fleiß für den, der ihn zu üben weiß!“ und „Gute Zucht, gute Frucht“ werden eingeschliffen. Wer die zehn Gebote beherrscht, den belohnten Fleißkärtchen. Der Rohrstock tanzte auf dem Hinterteil des Schmierfinken und wer gar zu faul war, bekam die Eselskappe aufs Haupt. Was die Kinder wahrgenommen hatten, besonders die Eindrücke der vielen unvertrauten Gegenstände, nahm Konrad Witt als Museumspädagoge, geschickt im Gespräch zur Nachbereitung wieder auf.

Die Initiatoren freuten sich über die starke positive Resonanz von vergnügter Neugier. Da das Singen bei „Fräulein Lehrerin“ ein wichtiger Unterrichtsschwerpunkt war, stimmten auch sie auch Omas Frühlingslieder an.

Einen spielerischen Einstand ins Erinnern, Fragen, Erzählen und Erkunden gab das Erleben „Schule mit allen Sinnen“. Ein Tuch verdeckte die auf dem Tisch vorbereiteten Gegenstände des Schulalltags. Eine interessante Erfahrung, ein Objekt zunächst nur zu ertasten. Oft wich die Befremdung nicht einmal nach dem Betrachten. Da war die „Oma-Riege“ gefragt das Rätsel zu lösen, was es mit dem „Dings-da“ auf sich habe. Jahrzehnte fielen von den gesetzten Damen ab und die kleinen Schulmädels waren wieder ganz präsent. Zum guten Schluss kamen die als Vorlesepaten geübten JA-Mitglieder zum Einsatz. In der Vorosterzeit darf natürlich ein legendäres Buch nicht ungeöffnet bleiben: „Hausmann mit dem bunten Rocke läutet hell die Morgenglocke…“, auf dass Hasen-Hans und Hasen-Grete sich auf den Weg machen, natürlich in die „Häschenschule“.

Die schönen Illustrationen im Stil des 19. Jahrhunderts brachte die modernste Technik mit Beamer nahe. Wenn die coolen Kids demnächst auf ihren flotten Bikes und Skatebords durch die Felder auf das Schuldorf zu sausen, fällt ihnen vielleicht das wackere Langohrpärchen wieder ein.