Startnews, Zwingenberg und Rodau

Hoch konzentriert rasen die Teams auf der Carrerabahn des MSC Zwingenberg ihrem Sieg beim Melibokusring-Cup entgegen. Foto: soe
13. Oktober 2026 

Carrera-Cup: 18 Männer am Drücker

ZWINGENBERG, Oktober 2026 (tt), Es ist fast immer das Gleiche: verträumter Blick, leicht geöffneter Mund und ein nervöses Zucken im Daumen. Carrera-Fans mit zweispuriger Vergangenheit sind leicht zu identifizieren, wenn sie sich im Rennmodus befinden. Die berühmten Strecken-Kits haben bei vielen minderjährigen Piloten das Jugendzimmer durchkreuzt. Erst als Universal, später als Servo und heute als digitale Variante.

Hinter dem Trafo herrschte einst eine elektrisch aufgeladene Atmosphäre. Man fummelte an abgenutzten Schleifern und tüftelte an Umbauten, um die Autos schneller und kurvensicherer zu machen: kleine Magnete über der Bodenplatte saugten die Autos regelrecht auf dem grauschwarzen Plastik-Asphalt fest. Das war perfekt für schnelle Kurven, machte die Sportwagen aber auch ein wenig langsamer. Avus und Hockenheim heißen die Klassiker der Produktserie, die seit Anfang der 60er existiert und sich immer wieder verändert hat. Der Thrill am Speed ist unverändert. Ob in der Spurrille oder beim freien Lenken.

Auch in Zwingenberg grassiert das Virus schon länger. Dort hat der hiesige Motor-Sport-Club (MSC) vor fünf Jahren einen eigenen Rundkurs eröffnet – direkt unter dem Dach der Vereinslagerhalle. Niedrige Decke, aber tolle Atmosphäre. Eine steile Treppe führt hinauf zur knapp 33 Meter langen Strecke, die mit viele Liebe und Leidenschaft aufgebaut wurde. Die Idee dazu gärte bereits 2019 nach den damaligen Vorstandsneuwahlen, doch bereits auf den ersten Metern wurde das Projekt – als zusätzliche Sparte der Vereinsarbeit – durch die Pandemie ausgebremst. Der Rennzirkus ruhte, und über die Testphase kamen die MSCler zunächst nicht hinaus. Ab 2021 wurde wieder Fahrt aufgenommen. Mit dem „1. Melibokusring-Cup“ wurde vor einem Jahr sogar eine neue Stadtmeisterschaft mit 124er Carrera-Autos ins Leben gerufen. Jetzt stand die zweite Runde an.

Gefahren wurde im Teammodus: Jedes der sechs Teams bestand aus drei Fahrern, die nacheinander antraten. Die Teilnehmer standen gleichzeitig an der Strecke, jeder steuerte einen BMW M4 im 124er Design. Kontrolliert mit klassischen Handreglern. Die Rundenzeiten aller Piloten im Team wurden addiert, es zählte also die Teamleistung. Eine schnelle Runde allein nutzte wenig. Insgesamt 22 Runden pro Fahrer mussten absolviert werden – am besten fehlerfrei und (mit Blick auf die Stoppuhr) möglichst konstant. Wer mehrfach einen Crash verursachte, musste mit Strafsekunden rechnen.

Entsprechend konzentriert und taktisch klug rasten die Fahrer durch enge Kurven und über lange Geraden. Die aufwändig gebaute Anlage ist mit einer Boxengasse und Miniatur-Zuschauertribünen ausgestattet – Rennfeeling pur. Auf großen Monitoren konnten Fahrer wie Zuschauer die aktuellen Zwischenstände sowie die einzelnen Rundenzeiten hautnah mitverfolgen. Akustische Signale und Kommentare sorgen für Flair und heizen die Fahrer an.

Doch bevor es losging, wartete das Qualifying. Genau wie im Formel-1-Zirkus. Allerdings werden dort gecrashte Rennwagen abgeschleppt und nicht mit der Greifzange flott wieder in die Spur gesetzt. Bei einer Kollision wird schnell der rote Aus-Knopf gedrückt, der den Saft auf der kompletten Strecke lahmlegt, um Massenkarambolagen vorzubeugen. Wenn alle Fahrzeuge wieder bereit sind, wird das Rennen fortgesetzt. Fairness als Ordnungsinstrument.

Der Zwingenberger Cup wird als klassisches Slotcar-Rennen in Kooperation mit dem Karnevalverein Narrhalla (KVN) und der Stadt ausgetragen. Die „Racing Narren“ des KVN gingen Mitte September als Titelverteidiger an den Start, doch diesmal reichte es nur für Rang drei. Die Gesamt-Teamzeit lag nur eine Minute und 20 Sekunden über dem Siegerteam SRIG Neckar, das mit 27:32 Minuten nicht zu schlagen war und den silbernen Wanderpokal mitnehmen durfte. Ein recht repräsentativer Pott für die erfolgreichsten Carrera-Asse. Auf Platz zwei lagen die RacerBlacer mit 28:30 Minuten. Letzter wurden die „Silberrücken“ aus Zwingenberg mit Reinhold Geierhaas, Christoph Neumeister und Ralf Bügenburg am Gasschieber. Doch Spaß hatten alle, die an diesem Tag an den Reglern waren.

Genau mit Aktionen wie dem Carrera-Cup sorgt das Team um das Vorstandsduo Sven Künz und Lars Gußmann zusätzlich dafür, dass der 1970 gegründete MSC auch neben dem Kart-Sport in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und gleichzeitig unterstützt es die Genration 50 plus dabei, in Kindheitserinnerungen aufzublühen. Und, liebe Gender-Generation, man muss es klar sagen: das ist eher ein Männerding. Mit Betonung auf „eher“. Auch der Cup in Zwingenberg war durchweg mit Herren besetzt. Jungen und alten. Das ist kein Zufall, sondern Fakt. Es ist aber auch lieb, wenn ein reifer Herr mit verträumtem Blick, leicht geöffnetem Mund und nervösem Zucken im Daumen an der Rennbahn steht und seinen Mini-BMW über die Strecke jagt. Dies notiert der Autor völlig ironiefrei, weil selbst biografisch stark vorbelastet.