Scrollen, Zocken, Streamen – Medienkonsum bei Jugendlichen
Wenn Kids zocken: Nicht ignorieren, sondern zuhören, begleiten und verstehen | Infoveranstaltung für Medienkonsumtrends junger Leute im Darmstädter HoffArt Theater
DARMSTADT, Oktober 2026 (tt), Immer mehr Jugendliche sind internetsüchtig. Ist das ein Grund zur Panik? Oder sollten Eltern einfach mal genauer hinsehen und verstehen, was ihr Kind wie oft vor dem Bildschirm macht? Und vor allem: warum? „Wir dürfen nicht das Verhalten bekämpfen – wir müssen das Bedürfnis dahinter erkennen“, sagt die Sozialpädagogin Vanessa Dernbach von der Erziehungsberatung für den Landkreis Darmstadt-Dieburg. Es gehe darum, mit dem Nachwuchs zu sprechen und echtes Interesse an den virtuellen Welten zu zeigen, in denen er sich viele Stunden täglich bewegt. Und dazu gehören auch Grenzen: denn Verstehen bedeutet nicht automatisch Erlauben.
Laut der JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) besitzen 93 Prozent der 12- bis 19 Jährigen in Deutschland ein Smartphone. Die durchschnittliche Bildschirmzeit beträgt knapp vier Stunden am Tag. Je älter, desto länger sind die Jugendlichen online. Doch warum üben digitale Medien eine so intensive Anziehungskraft aus? Wie viel ist normal? Und ab wann wird es eigentlich wirklich problematisch?
Bei der Informationsveranstaltung „Scrollen, Zocken, Streamen“ wurden alle Fragen ausführlich beantwortet. Im Darmstädter Hoffart-Theater ging es Mitte September um die Mediennutzung junger Menschen. Im Publikum saßen nicht nur Pädagogen, Lehrer und Berater, sondern auch viele Eltern, die sich fragen, wie ein selbstbestimmter und gesunder Umgang mit dem Internet aussieht und ab welcher Dosis es riskant wird. Tenor der Veranstaltung: nichts verteufeln, sondern alles kapieren. Denn digitale Medien sind längst ein Teil des modernen Alltags und bieten viele Chancen für Kreativität, Kommunikation, Lernen und Entspannung. Nach vier Impulsvorträgen mit unterschiedlichen Experten gab es im soziokulturellen Treffpunkt mitten im Martinsviertel viel Raum zum persönlichen Austausch. Nach zwei Stunden Input luden mehrere Thementische zu vertiefenden Gesprächen ein.
„Viele Eltern fragen sich zu Recht, wo die Grenze zwischen normaler Nutzung und Problem liegt. Diese Unsicherheit müssen wir ernst nehmen und Familien Antworten anbieten“, so die Kreisbeigeordnete und Jugenddezernentin Christel Sprößler über die Motivation der Veranstaltung. Ilona Einwohlt ist Jugendbuchautorin und Bildungsreferentin für MuK Hessen – dem Institut für Medienpädagogik und Kommunikation. Sie regt Eltern an, das Thema nicht oberflächlich zu sehen und vorschnell zu verdammen, sondern sich mit der „digitalen Pubertät“ ihrer Kinder zu beschäftigen: „Wir müssen fragen und zuhören – denn wir dürfen genau das nicht den Maschinen überlassen“, so die Schriftstellerin aus Pinneberg, die heute in Weiterstadt lebt. Es gehe also darum, herauszufinden, warum die Kinder diese Medien nutzen: aus Langeweile, zur Entspannung, zum Austausch, zur Selbstbestätigung oder vielleicht doch, um Ängste zu kompensieren oder vor der Wirklichkeit davonzulaufen?
„Nicht wenige Kinder reden mit Alexa, wenn niemand zuhause ist“, so Ilona Einwohl über ein todtrauriges Phänomen in modernen Familien. Wo man „always on“ ist, liegt die Kommunikation mit der KI nicht fern. Das ist für Eltern ebenso eine große Herausforderung wie der Moment, in dem sie erfahren, dass ihr vielleicht gerade zehnjähriges Kind mit Pornografie im Netz Bekanntschaft macht – und womöglich unbequeme Fragen stellt. Zudem können Online-Pornos das Verständnis von Liebe und Sex negativ beeinflussen und schlechte Gefühle auslösen, wenn man einem vermeintlichen ideal hinterherrennt. Und generell gilt: die Übergänge von regelmäßigem Konsum zu einer Sucht sind fließend. Auch beim Zocken.
Das Thema Online-Spiele wurde von Enrico Steuer und Mareike Wagner vom Medienzentrum im Landkreis Darmstadt-Dieburg aus einer interessanten Perspektive beleuchtet: wenn die Verantwortung mitspielt, dann könne Gaming auch ein wertvoller Lern- und Sozialraum sein. „Spielen ist Alltag, und damit auch ein Bildungsanlass“, so Mareike Wagner über einen Ansatz, der im Hoffart-Theater auf viel Interesse stieß – aber auch auf kritische Zuhörer. Ob pädagogisch begleitetes Zocken wirklich nützlich sein kann? Enrico Steuer begründet das wie folgt: Fähigkeiten wie strategisches Denken, Kommunikation, Frustrationstoleranz und Resilienz werden früher oder später auch im Berufsleben gebraucht. Und die Glücksgefühle, die dabei entstehen, dienen der psychischen Hygiene. Wenn das Maß nicht überschritten wird.
„Jugendliche wollen selbstständig werden, aber nicht allein“, betont auch Vanessa Dernbach die Bedeutung sachlicher Eltern-Kind-Gespräche – auch, wenn das Thema oftmals emotionale Wellen schlägt. Und wenn es doch brenzlig wird, kann es verschiedene Signale geben, wie Sascha Holz und Hanna Gund vom Caritasverband Darmstadt erläuterten. Eine exzessive Mediennutzung kann dazu führen, dass soziale Kontakte vernachlässigt werden und eine Person – wie bei jeder Sucht – immer mehr die Kontrolle über ihr Verhalten verliert. Dann wird aus kompetentem Konsum eine gefährliche Sucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Computerspielstörung in die ICD-11 Klassifikation aufgenommen und diese Form der Verhaltenssucht somit als offizielle Krankheit diagnostiziert.
Also was ist zu tun? Eltern sollten sich dafür interessieren, was ihre Kinder tun (eigentlich selbstverständlich) und nicht in Panik geraten, wenn sie etwas nicht verstehen. Kommunikation hilft immer. Wer gelassen bleibt und ebenso reagiert, kommt besser ins Gespräch mit dem Nachwuchs. Und wenn es ein Problem gibt, dass allein nicht zu bewältigen ist, sollte man auf professionelle Hilfe zurückgreifen. Es gibt genügend Anlaufstellen in der Region, die zum Thema Medien beraten und unterstützen können. Z.B. bei der Fachstelle Suchtprävention Darmstadt – Netzwerk ROPE e.V. (Tel.: 06151 1364771, 0157 80697256) oder bei der Fachstelle Suchtprävention des Landkreises Darmstadt-Dieburg (Tel.: 06151 881-1524, 0151 59061117).
