Integration im Turbotempo
Zwillingsbrüder aus Syrien finden nach einem Jahr Sprachkurs an der Metzendorf Schule schon einen Ausbildungsplatz
BENSHEIM, September 2013 (meli), Während die Welt mit Spannung auf Syrien und den Umgang internationaler Politiker mit dem Assad-Regime blickt, versuchen in Bensheim zwei junge syrische Männer für sich eine bessere Zukunft zu gestalten.
Die Zwillingsbrüder Ivan und Romen Adam kamen erst vor eineinhalb Jahren aus dem vorderasiatischen Staat, der inzwischen nur noch mit den Schreckensbildern des Bürgerkrieges im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit steht. Obwohl sie in Syrien eigentlich alles richtig gemacht hatten, sahen sie dort keine Perspektive mehr für sich. Die lernfleißigen Brüder hatten in dem seit 1963 von der Baath-Partei regierten Land zunächst eine Art Grundschule besucht, die dort bis zur 9.Klasse geht. Dann aufgrund ihrer besonderen Leistungen die Zulassung zur Fachschochschule für Kfz-Mechatronik bekommen und im Anschluss sogar am Institut für Kfz-Mechatronik mit der Note sehr gut eine Unterrichtsbefugnis in diesem Beruf erlangt. Doch danach gab es für sie keine berufliche Einstiegschance. Wie die Brüder berichten, gibt es ohne politische Kontakte keine Möglichkeit zu einer Beschäftigung. Auch, dass sie kritiklos den obligatorischen zweijährigen Militärdienst im Anschluss an ihre Ausbildung absolviert hatten, nutzte ihnen da nichts. Wenn schon nicht im erlernten Beruf gearbeitet werden darf, dann doch wenigstens den Lebensunterhalt irgendwie selbst verdienen, war dann ihr nächstes Ziel.. Drei Jahre lang nahmen sie immer wieder zusammen mit ihrer Familie Anlauf, eine Konzession für ein eigenes Restaurant zu bekommen. Doch auch dies vergebens, da auch hier ohne politische Beziehungen nichts geht.
Mit 24 Jahren machten sich die beiden daher auf die Flucht nach Deutschland, um dort politisches Asyl zu beantragen. Erstaunlich, dass ihnen nach all den entmutigenden Erfahrungen in ihrem Heimatland, nicht die Energie fehlte hier „sofort Gas zu geben“, wie es Ivan Adam schilderte. Sie lernten zunächst bei einem auf wenige Wochenstunden begrenzten Sprachkurs der Caritas die ersten deutschen Vokabeln. Im Sommer letzten Jahres hatten die sympathischen Zwillingsbrüder dann das Glück, einen der begehrten Plätze in einem Sprachintensivkurs an der Heinrich Metzendorf Schule zu bekommen. Trotz einer hohen Nachfrage hat die Schule bislang nur die Mittel für einen Sprachintensivkurs, obwohl ein weitaus höherer Bedarf dafür besteht.
Bei ihrer Klassenlehrerin Michaela Wiegand lernten die beiden in diesem Jahr nicht nur ihr Deutsch zu verbessern, sondern vor allem auch, dass man in einem Sozialstaat und einem demokratischen System auch eine reelle Erfolgschance hat, wenn man sich anstrengt. Über das geforderte Maß hinaus paukten die Zwillinge unermüdlich für eine Verbesserung ihrer Sprachkenntnisse und machten so Fortschritte, die für die kurze Zeit in Deutschland, wirklich außerordentlich sind. Nach nur sechsmonatigem Sprachkurs an der Metzendorf Schule gelang es Ivan und Romen daher, sich während eines Schulpraktikums in zwei verschiedenen Bensheimer Kfz-Betrieben derart gut zu präsentieren, dass sie dort nach Abschluss des einjährigen Sprachintensivkurses ein Ausbildungsangebot erhielten.
Eigentlich sind sie unzertrennlich, doch jetzt müssen sie sich während der Arbeitszeit auch alleine bewähren. Im Doppelpack aber verbringen sie ihre Zeit in der Eingangsstufe für Mechatronik an der Metzendorf Schule. Natürlich hapert es dort noch sehr mit dem Sprachverständnis, besonders wenn es um Fachbegriffe geht. Die Fachlehrer in der Klasse, Daniel Kruse-Lips, Frank Brücker du Marko Schenk sind jedoch begeistert von dem Interesse und dem Engagement, das die jungen Syrer an den Tag legen und unterstützen die beiden engagiert bei ihrem beruflichen Einstieg. Wie Klassenlehrer Kruse-Lips angetan schildert, schreiben sich nicht nur in der Schule, sondern auch im Betrieb alle unbekannten Begriffe auf und schlagen sie sofort Zuhause nach. Zuhause, das heißt allerdings für die beiden derzeit noch das Wohnen in einem Übergangsheim des Sozialamtes Heppenheim Wand an Wand mit weiteren Asylsuchenden, die oftmals einen ganz anderen Tagesrhythmus als sie selbst haben.
Ivan und Romen Adam sind daher auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung für sich und ihre beiden auch in Bensheim lebenden Geschwister, um hier endlich das normale Leben zu führen, das ihnen in Syrien nie möglich war.
