Gernsheim und Ried, Startnews

Ein ganz besonderer Schatz: Das historische Karussell ist seit 125 Jahren in Familienbesitz. Foto: soe
30. Dezember 2025 

Bewegte Geschichte: Nostalgisches Flair beim Weihnachtsmarkt

Das historische Pferdekarussell von Markus Schneider dreht sich seit 125 Jahren

BÜRSTADT, Dezember 2025 (tt), Seit 1924 bleibt man Bensheim treu. Beim Winzerfest ist die Familie seit der Premiere 1929 mit dabei. Später kam der Weihnachtsmarkt dazu. „Die Stadt ist mein zweites Wohnzimmer“, lacht Markus Schneider. Aber auch in Zwingenberg, Hähnlein, Lorsch und Einhausen fühlt er sich wohl.

Ob Fastnacht, Kerb oder Stadtfest: wo Rummel ist, trifft man fast immer auch ein Mitglied der Schneider-Familie. Er repräsentiert bereits die fünfte Generation von Schaustellern, die mit verschiedenen Fahrgeschäften sowie mit klassischer Schiffschaukel, Kinderkarussell, Crêpes- und Süßwarenständen in der Region präsent sind. Ein Familienbetrieb mit Tradition und Zukunft. Gegründet vom Urgroßvater Johann Wagner anno 1889. Ein Generationenprojekt. Stationiert in Bürstadt-Riedrode. Aber meistens unterwegs.

Neben Ehefrau Silke, Spross einer pfälzischen Schaustellerfamilie, ist auch Markus Junior (30) längst mit im Boot. Ebenso wie Tochter Marissa (26). Und auch die drei Enkelkinder wachsen in einen Stammbaum hinein, der tiefe Wurzeln geschlagen hat. Schneider ist Schausteller aus Berufung und Leidenschaft. Wenn er von seinem Alltag spricht, leuchten die Augen. Trotz einer Menge Handarbeit, viel Fahrerei und immer mehr Bürokratie. In Amtsstuben sitzt Schneider heute beinahe so oft wie im Ticketbüdchen. Obwohl das eher der Job der Gattin ist. Saison ist zehn Monate im Jahr. Zwischen Weihnachten und Fastnacht wird verschnauft. Es ist die Zeit, in der die Geräte gewartet und repariert werden. Darunter ein ganz besonderer Schatz, wie man ihn heute nur ganz selten sieht: ein historisches Bodenkarussell aus dem Jahr 1900, das noch unter der Leitung seines Vorfahren Johann Wagner gebaut wurde und sich seither im Familienbesitz befindet. Bis 22. Dezember traben die handbemalten Rösslein noch über den Bensheimer Weihnachtsmarkt. Standort ist seit vielen Jahren die untere Fußgängerzone am Hospitalbrunnen. Hier leuchtet das altehrwürdige Karussell vor der Fachwerkkulisse der Innenstadt – für Schneider eine perfekte Kombination.

Auch, wer zu alt zum Mitfahren ist (ist man das je?), erfreut sich an der zeitlosen Strahlkraft nostalgischer Eleganz und dem Flair dieser monumentalen „Reitschule“ mit seinen 32 geschnitzten Pferden, die vor drei Jahren von einer Künstlerin neu bemalt wurden. Sie heißen Toni, Hella, Gretel oder Johann. Die langhaarigen Schweife stammen aus dem Schwarzwald, das Zaumzeug ist aus Leder.

Jedes Detail spiegelt die Hingabe und den Respekt, mit dem Markus Schneider dieses buchstäblich schwere Erbe hegt und pflegt. Denn die Tierchen aus massivem Vollholz sind – ebenso wie der Traktor, der Oldtimer und die Kutsche – alles andere als Leichtgewichte. Zwei Tage dauert der Aufbau. Es gibt ausschließlich Einzelteile. Mit elf Metern Durchmesser und neun Metern Höhe hat das Karussell mit neuzeitlichen Plastikmodellen nichts gemein. Hier dreht sich ein wertvolles Stück Vergangenheit, das einst von der renommierten Firma Gundelwein im thüringischen Wutha gefertigt wurde. Markus Schneider hat es von seinem Vater übernommen. Er kennt jede Schraube, jedes Glühbirnchen und das winzigste Detail, das den Mechanismus in Bewegung setzt. Apropos.

Die Antriebstechnik ist ein Kapitel für sich. In der Karussellmitte steht neben dem Flachriemenantrieb ein mit Salzwasser gefüllter Behälter, wie er bis heute zur Geschwindigkeitssteuerung genutzt wird. Mittels einer Kurbel werden Metallplatten in die Salzwasserlösung getaucht und über den dadurch geschlossenen Stromkreislauf die Karussellumdrehungen reguliert. Die Elektroden sind über eine Kurbelmechanik verbunden, die die Geschwindigkeit steuert. Je tiefer die Elektroden ins Wasser ragen, desto schneller dreht sich der Motor. Es gibt nichts, mit dem das Anfahren sanfter und geschmeidiger klappt, so der Besitzer. Es ist so, als ob die Pferdchen ganz sachte in einen langsamen Trab starten. Gebremst wird von Hand. Selbst das Ölkännchen ist historisch. Sobald ein Fahrgeschäft aufgebaut ist, kommt das Kreisbauamt zur Abnahme. Einmal im Jahr klingelt der TÜV. Tragende Metallteile werden sandgestrahlt und geröntgt, um innere „Verletzungen“ diagnostizieren zu können.

Doch der Familienbetrieb muss sich um vieles weitere kümmern: Gema-Pauschalen, Handwerkskammer, Finanzamt und Berufsgenossenschaft. Plus die Kosten für Wartung und Anfahrt. Eine Fahrt mit dem Klassiker kostet drei Euro. Dafür drehen die Pferdchen zwölf Runden. Dafür reitet der Kunde, klein oder groß, auf einem lebendigen Denkmal in die Frühzeit des Jahrmarktes. „Es ist ein Wunder, dass dieses Karussell die Wirren der Zeit überstanden hat“, so Markus Schneider.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde es von Worms nach Riedrode gebracht und dort im Wald vergraben, um es vor Schäden zu schützen. Im Jahr 1929 soll es sich, so erzählt man, auf dem zugefrorenen Rhein bei Worms gedreht und die Menschen verzaubert haben. In den 1980er Jahren wurde der einstige Holzmast aufgrund neuer TÜV-Auflagen durch ein Stahlmodell ersetzt, der Holzboden wird alle paar Jahre geschliffen und lasiert. Das erledigt er selbst. Als nächstes sollen die Malereien an der Außenfassade erneuert werden. Das übernimmt die Künstlerin. Markus Schneider möchte traditionelle Bensheimer Motive sehen. Das würde den Bezug zu Bensheim nochmals vertiefen, so der Schausteller, der sich in der größten Stadt des Kreises bestens aufgehoben fühlt. „Man kennt und vertraut sich.“ Das sei nicht überall so, bedauert er. Doch in Bensheim verlaufe der Dialog mit der Verwaltung stets fair und freundlich. Wie das unter alten Bekannten nun mal so ist.