Garten-Natur-Tiere, Seeheim-Jugenheim, Startnews

„Nicht nur nach oben schauen“: Christian Storm plädiert für einen ganzheitlichen Blick auf das Ökosystem Wald. Foto: Thomas Tritsch
03. Januar 2022 

Der Wald braucht gutes Management

NABU und Netzwerk Bergsträßer Wald informieren über ein Ökosystem in der Krise

MALCHEN, Januar 2022 (tt), Dem Wald geht es schlecht. Das erkennt auch ein Laie. Die mittlere Kronenverlichtung sämtlicher Baumarten in Hessen hat 2020 mit 28 Prozent ein neues Höchstniveau erreicht. Aber auch weitere Indikatoren für die Waldzustandserhebung, wie etwa der Anteil starker Schäden und die jährliche Absterberate, liefern Grund zur Sorge, so der aktuelle Waldzustandsbericht. Schädlinge wie der Borkenkäfer und diverse Pilzkrankheiten machen das Negativbild rund.

„Wir dürfen nicht nur in die Höhe schauen“, fordert der Waldkenner Christian Storm. Der promovierte Biologe und Vegetationsökologe von der TU Darmstadt möchte den allgemeinen Blick auf das ganzheitliche Ökosystem Wald lenken und nicht nur auf die Schäden, die für jedermann klar sichtbar sind: nämlich braune Nadelhölzer, sterbende Stämme oder kahle Flächen. Er sagt: die buchstäblich tieferen Zusammenhänge für die problematische Situation finden sich im Untergrund. Hier sorgt ein weit verästeltes Geflecht von Wurzeln, Pilzen und Nährstoffkreisläufen für einen vitalen und grünen Wald. Ist das elementare System marode, bricht bald auch die oberflächliche Struktur zusammen.

Storm plädiert daher für ein umfassendes Waldmanagement, das sämtliche Faktoren mit einschließt. Denn Wald sei weitaus mehr als eine Ansammlung von Holz, das man ernten kann, so der Experte bei einer Infoveranstaltung, zu der das Netzwerk Bergsträßer Wald und der NABU Seeheim-Jugenheim in die Bürgerhalle Malchen eingeladen hatten. Rund 20 Gäste hörten zu. Es galt die 2G-Regel.

Neben der sich verschärfenden Klimakrise und verschiedenen Luftschadstoffen, die als äußere Einflüsse auf den Wald einwirken, skizzierte Storm auch die inneren Stressfaktoren, die durch die zeitgenössische Art der Waldbewirtschaftung entstehen können, so der Referent, der sich seit langem mit waldökologischen Themen befasst und im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts im Kalksand-Kiefernwald bei Seeheim-Jugenheim gearbeitet hat. Storm ist Vorsitzender des Naturschutzbeirats der Stadt Darmstadt und war dort unter anderem am „Runden Tisch Wald“ beteiligt. In Malchen erläuterte der Naturwissenschaftler das komplexe Beziehungsgefüge zwischen Lebewesen und Umwelt, das sich zu einem Großteil unter der Erde abspielt. Die Bäume seien zwar ein prägender Teil des Waldes, doch das Ökosystem sei weitaus mehr als die Summe seiner Pflanzen.

Dieses Netzwerk-Verständnis sei grundlegend, wenn man dem Wald dauerhaft wieder auf die Beine helfen wolle. Wer sich nur auf die Maßnahmen in den jeweiligen Forstämtern konzentriere und glaube, dass sich ein kränkelndes System allein durch Schadholzbeseitigung und Wiederaufforstung gesunden könne, der wandere sprichwörtlich auf einem Holzweg. Zumal jeder Eingriff von außen die gewachsenen Strukturen und Prozesse im Innern nachhaltig stören oder gar schädigen können. Auch den Tunnelblick auf den Wald als wehrloses Opfer einer von Menschen forcierten Klimakrise vernebele die Perspektive: denn ein vitaler und artenreicher Wald sei in der Lage, sich sein eigenes Mikroklima zu schaffen, das ihn von globalen Entwicklungen recht unabhängig mache. Wenn Wasserhaushalt und Nährstoffzirkulation stimmen und der Wald nach oben durch ein dichtes Kronendach von zu viel Sonne und Wind geschützt ist, kann er sich als starkes und sich selbst recycelndes Mikrosystem auch während stressigen Phasen gut behaupten. Ist die Harmonie aber gestört, wird er umso anfälliger für externe Impulse.

Als lange vernachlässigen Aspekt betont Christian Storm die Interaktion von Bäumen und Pilzen, die keine Photosynthese betreiben können und daher mit vielen Fäden die Wurzeln der Bäume umschlingen und so von der Pflanze Kohlenhydrate erhalten. Im Gegenzug übernehmen die feinen Pilzfäden die Aufgabe der Wurzelhaare und versorgen die Pflanze mit Nährstoffen. Diese Wechselbeziehung wird als Mycorrhiza oder als Pilzwurzel bezeichnet. Eine für den Menschen unsichtbare Lebensgemeinschaft zum beiderseitigen Vorteil, die auch den Bäumen untereinander als eine Art Kommunikationskanal dient. Die Pilze sind also eine Art „soziales Netzwerk“ der Waldbäume.

„Der Wald ist dynamisch, nicht statisch“, betonte der Referent. Tote Bäume gehörten dazu, Zerfall und neues Leben gingen Hand in Hand. Gerade für viele Insekten seien abgestorbene Hölzer die attraktivste Entwicklungsphase eines Baums. In der Waldbewirtschaftung würde diese zyklische Natur aber leider nur selten beachtet, so Storm. Mit der Folge, dass schon bei örtlichen Zerfallserscheinungen die Alarmglocken klingeln. „Aber nicht jede Störung erfordert eine sofortige Aktion.“ Meist könne sich die Natur aus eigener Kraft wieder erholen. Und faktisch gebe es in den meisten hessischen Wäldern sogar einen Mangel an sehr alten und toten Exemplaren. Auch darin unterscheide sich der Urwald vom Wirtschaftswald.

Zu den größten externen Stressfaktoren zählt er nicht nur die Klimakrise, sondern auch bauliche Eingriffe in das noch existierende Flächennetz: Autobahnen und Bahngleise zerschneiden die Wälder, lineare Strukturen und Offenlandflächen stören die verwilderte Dynamik des Systems – und auch hier liegt das Problem vor allem unter der Erde, wo die Brücken zwischen Pflanzen und Pilzen gekappt werden. Der Biologe hält es für dringend geboten, weitere Schnitte durch die Landschaft zu vermeiden.

Sein Fazit: ein stabiler Wald ist gegen die Klimakrise besser gewappnet. Weniger innerer Stress bedeutet stärkere Abwehrkräfte. Statt Holz – aus finanziellen Gründen – aus dem Wald zu entfernen und so die interne Nährstoffzufuhr zu unterbrechen, sollte man auf einen gesunden Mix aus Arten und Altersstufen achten. Auch die vom Forst oft favorisierte Neupflanzung mediterraner Arten, die eine Klimaerwärmung besser bewältigen sollen, sieht Storm skeptisch: „Das ist eine Baukastenmentalität mit Nebenwirkungen.“ Fremde Baum-arten veränderten die Artenvielfalt, seien meist nicht ausreichend frostresistent und könnten neuen Parasiten ein Zuhause bieten. „Das Hinzufügen ortsfremder Elemente kann nicht nur erfolglos bleiben, es kann ein ganzes System dauerhaft destabilisieren.“