Eine lebende Legende
Der Hähnleiner Alt-Bürgermeister Friedrich Ost weiß viel zu erzählen: Von künstlichen Kommunen und Begräbnissen in der Fremde
ALSBACH-HÄHNLEIN, März 2026 (raha) Er ist in Hähnlein und der näheren Umgebung bekannt wie ein bunter Hund und mittlerweile wurde sogar eine Straße nach ihm benannt. Das kommt selten vor bei lebenden Personen und er sieht das auch mit gemischten Gefühlen. Doch die Gemeinde wollte ihm damit einen Ehrenplatz in der örtlichen Geschichte sichern.
Trotz seiner mittlerweile 98 Lebensjahre ist Friedrich „Fritz“ Ost topfit. Natürlich gibt es das eine oder andere körperliche Zipperlein und man muss ziemlich laut reden, wenn man sich mit ihm unterhält, denn sein Gehör hat in den Jahren etwas nachgelassen.
Wenn er erzählt, kommt natürlich die eine oder andere Anekdote zum Vorschein, es sprudelt nur so aus ihm heraus und man könnte ihm stundenlang zuhören.
Seit nunmehr 80 Jahren ist er Mitglied beim Gesangverein Sängerlust, bei dem er auch bis vor einigen Jahren noch aktiv gesungen hatte, beim Radsportverein Solidarität, beim Vogelschutz- und Zuchtverein, beim VdK, beim Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge, bei der SPD und bei der Freiwilligen Feuerwehr. Lange Jahre war er noch Rechner beim Roten Kreuz-Ortsverband und Schatzmeister beim Kreisverband. Beim Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge war er seit den 60er Jahren auch noch im Kreisvorstand tätig.
Am 12. Oktober 1945 wurde unter seiner Mitwirkung in der damaligen Bürgermeisterei, im Volksmund „Anstalt“ genannt, der Sport- und Kulturverein (SKV) Hähnlein gegründet. Der spätere Bürgermeister Ernst Gerhard wurde als Gewerkschaftskartells-Mitglied von der amerikanischen Besatzungsbehörde beauftragt, diesen Verein zu gründen, um dem Nachwuchs die Möglichkeit zu geben, sich sportlich zu entfalten.
Oberstes Ziel für die Amerikaner war aber, die politische Haltung dabei außen vor zu lassen. Zu frisch war noch die Erinnerung an die politischen Grabenkämpfe der Zwanziger Jahre. Damals waren die Vereine zum einen Teil in der Arbeiterbewegung und anderseits dem bürgerlichen Spektrum zugetan. Dies führte vor dem Hintergrund der Inflation, hoher Arbeitslosigkeit und den Repressalien des Versailler Vertrages nicht selten zu großen Spannungen, die von den damals aufstrebenden Nazis natürlich noch angeheizt wurden.
Unter den Gründern des neuen Vereins waren Mitglieder der Fußballer, der Radsportler und der Sänger. Der SKV wurde allerdings nach fast 58 Jahren am 31.12.2003 aufgelöst, da die nunmehr sieben einzelnen Sparten wegen des Steuerrechts nicht mehr als Gesamtverein zu führen waren. Es wurden danach einzelne Vereine gegründet. Die Fußballer haben den traditionellen Namen SKV übernommen.
Nach seiner Ausbildung zum Inspektor beim Landkreis Darmstadt war Fritz Ost bis 1967 als Kassen- Aufsichtsbeamter dort zuständig. Seit 1956 war er Mitglied der Gemeindevertretung und ab 1960 deren Vorsitzender.
Die wohl größte Aufgabe für Fritz Ost war aber das Amt des Hähnleiner Bürgermeisters, dass er vom 15. April 1967 bis zum 31.12.1976 als Nachfolger von Ernst Gerhard, nach dessen plötzlichem Tod, bekleidet hatte. In seine Amtszeit fiel unter anderem der Bau der Kanalisation, die Umsetzung des „grünen Plans“ (Befestigung der Feldwege), der Neubau der Hähnleiner Schule und die Vorplanungen für die Sport- und Kulturhalle auf dem Marktplatz. Stolz ist Fritz Ost noch heute auf seinen trotz aller kostenintensiven Projekte ausgeglichenen Haushalt, mit dem er die Kommune in die Zukunft führte.
Gerne hätte er noch länger die Geschicke der Gemeinde gelenkt, doch durch die damalige Kommunalreform gab es ab Neujahr 1977 eine Fusion mit Alsbach und Fritz Ost wurde nun für ein Viertel Jahr Staatsbeauftragter in der neuen Kommune. Danach fungierte er als 1. Beigeordneter unter dem neuen Bürgermeister Wolfgang Steinmetz. Interessant ist, dass die Gemeinde zu Beginn nur Alsbach hieß. Der Doppelname Alsbach-Hähnlein wurde erst ein Jahr später eingeführt. Die damalige Landesregierung plante sogar eine größere Fusion, der auch Bickenbach angehören sollte. Das künstliche Konstrukt hätte den Namen „Weilerburg“ erhalten, da der bekannte Weilerhügel alle drei Orte räumlich miteinander verbinden würde. Doch Fritz Ost war damals vehement gegen diese Idee und nicht zuletzt durch den Einfluss des Staatsministers Karl Schneider (SPD), der in Bickenbach wohnte, behielt dieser Ort bis heute seine Selbstständigkeit.
Über die Verbindung mit Alsbach weiß Fritz Ost natürlich auch viel zu berichten: So zum Beispiel die Geschichte, dass früher die Hähnleiner in Alsbacher Gemarkung begraben wurden und so mit ihrem Tod praktisch zu Alsbachern wurden! Das hatte folgenden Hintergrund: In den Jahren 1844 bis 1846 wurde der Friedhof vom ursprünglichen Platz hinter der Kirche an die heutige Stelle in den Osten, weit vor die Ortschaft verlegt. Freilich lag der damals neue Friedhof aber auf Alsbacher Gelände! Somit wurden die verblichenen Hähnleiner in der Fremde beerdigt! Ein Umstand, der für die Einwohner unhaltbar war! Erst ein Gebietstausch mit der Bergstraßengemeinde im Jahre 1936 sorgte dann dafür, dass die Hähnleiner nun endlich in heimatlicher Erde ihre Ruhe fanden. Die Alsbacher bekamen für die „Hähnleiner Weide“, wie das Gewann am Friedhof hieß, die „Alt-Berg“ (den Weilerhügel).
Fritz Ost war über 72 Jahren mit seiner Frau Katharina verheiratet. Leider ist sie kurz nach seinem 98. Geburtstag Ende Januar nach langer Krankheit verstorben.
Er hat zwei längst erwachsene Kinder und schon große Enkel. In zwei Jahren macht er die Hundert voll und bleibt hoffentlich weiterhin so „fit“ wie zurzeit.
