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Weißstörche bleiben in der Regel ihrem Brutplatz treu und besetzen jedes Jahr das selbe Nest. Diese Weißstörche dürften somit ihren Nachwuchs regelmäßig in den Altneckarlachen aufziehen. Foto: B. Horn
03. Juni 2022 

Es ist die Nachtigall, nicht die Lerche

Vogelstimmenwanderung des Fördervereins Lernort Natur | Quer durch die Altneckarlachen

ALSBACH-HÄHNLEIN (erh), Kurz nach sieben Uhr morgens in den Altneckarlachen: Ein Vogel singt. Es ist die Nachtigall, erklärt Frank Gröhl in den wenigen Ruhepausen, die sich die als Nachtsänger bekannte Vogelart zwischen ihren Vorträgen nimmt. „Sie singt auch morgens“, schiebt er nach. Legt die Nachtigall wieder los, hebt Gröhl den Zeigefinger und bewegt den Kopf leicht zur Melodie des Gesangs.

Rund 20 Frühaufsteher finden sich ein auf dem Parkplatz am Sportgelände des SKV Hähnlein an einem Sonntagmorgen im April. Der Förderverein Lernort Natur an der Fasanenlache lädt ein zur Vogelstimmenwanderung mit dem Vogelexperten Frank Gröhl vom NABU Ried. Die Altneckarlachen in den Gemarkungen Bickenbach, Alsbach und Hähnlein sind Naturschutzgebiete und Teil des EU-Vogelschutzgebietes Hessische Altneckarschlingen.

Nach einem gemeinsamen Gruppenfoto macht sich die Crew bei wechselhaften äußeren Bedingungen, von Regen bis gelegentlichem kurzen Aufblitzen der Sonne ist alles dabei, auf den Weg. In wetterfester Kleidung und vereinzelt ausgerüstet mit den üblichen Vogelwanderungs-Utensilien wie Fotoapparat und Fernglas geht es auf die gut zweistündige Schleife über Weilerhügel, Fasanenlache und Schächerlache. Der erste Halt ist am Grillplatz Gänsweide. Stieglitz, Buchfink und Kuckuck sind zu hören, aber nicht zu sehen. Die Truppe zieht weiter. Die Nachhut bekommt einen Grünspecht zu Gesicht, der auf Futtersuche über das Grün der Gänsweide hüpft.

Aus der Entfernung sind Weißstörche in ihren Nestern zu erkennen, Feldhasen hoppeln über die Äcker, ein Jagdfasan flüchtet. Nach und nach kehren im Frühjahr alle Zugvögel zurück und beginnen zu singen, erläutert Gröhl. Zwischendurch gibt es einen kurzen Exkurs zu einigen am Wegesrand wachsenden Pflanzen wie Traubenkirsche, Knoblauchrauke („Kann man essen.“) und Wiesenkerbel. Aus einer Baumgruppe melden sich Zilpzalp und Feldschwirl. Gröhl hebt den Zeigefinger und macht Handzeichen, welcher Vogel wann singt. Der Feldschwirl ist zwar eher ein Leichtgewicht (14 bis 20 Gramm), verteidigt sein Revier jedoch furchtlos gegen jeden Eindringling. Bei entsprechenden Lockrufen, die über eine spezielle Vogelstimmen-App ausgesendet werden können, rückt der Kleine mit seinem Gezwitscher auch Menschen überraschend nah auf die Pelle, versichert der Fachmann. „Der Feldschwirl ist sehr mutig.“

Die App bleibt stumm, der Tross umgeht die Auseinandersetzung mit dem Feldschwirl. Ein Stück weiter macht sich erneut eine Nachtigall bemerkbar. Was ist eigentlich mit der Lerche, speziell mit der Feldlerche? Schwierig, sagt Gröhl. Die Feldlerche, die vorwiegend in ackerbaulich genutzten Feldern zu finden ist, verliert durch die extensive Landwirtschaft zunehmend ihre Lebensräume. Maßnahmen, um den Fortbestand der Vogelart zu erhalten, wurden bereits ergriffen. „Es muss mehr kommen“, betont Gröhl, der sich seit 40 Jahren mit Vogelwelt und Vogelstimmen beschäftigt. Als Brut- und Nahrungshabitate reichen der Feldlerche schon schmale Brachstreifen oder sogenannte „Lerchenfenster“ auf geeigneten Ackerflächen. Im weiteren Verlauf der Exkursion ist eine Feldlerche in luftiger Höhe zu erkennen, ihr Gesang ist jedoch nicht zu vernehmen. Deutlich über 500 Vogelarten, die Angaben schwanken zwischen 510 und 580, sind laut Gröhl in Deutschland nachgewiesen.

Mönchgrasmücke, Dorngrasmücke und Goldammer unterhalten die Crew auf ihren Weg zum Weilerhügel mit ihrem Gezwitscher. Grau- und Nilgänse nähern sich im tiefen Flug, drehen aber rechtzeitig ab. Auf den Feldern streifen mehrere Rehe umher. In freiem Gelände thront eine Rohrweihe nahezu bewegungslos auf einer Ansitzstange. Später überfliegt der Greifvogel, dessen Spannweite bis zu 130 Zentimeter betragen kann, die Vogelkundler. Eines von vielen beeindruckenden Naturbildern an diesem Morgen.

Auf einem Teil des Pfades zur Schächerlache ist Vorsicht angesagt: Dort wuchert die Herkulesstaude – eine Giftpflanze, die man möglichst nicht berühren sollte. Beim Umgang mit dem toxischen Gewächs wird Schutzkleidung empfohlen, Hautkontakt mit der Pflanze kann unter anderem zu Verbrennungen führen.
Auf und rund um die Wasserflächen der Schächerlache tummeln sich Teichrohrsänger, Zwergtaucher sowie Fitis, der „Zwilling“ des Zilpzalp, Wiesenschafstelze und die ersten Rauchschwalben des Jahres. Am Ende der lehrreichen Tour haben die Teilnehmer rund 40 Vogelarten gehört oder gesehen.

Beseelt von vielen wunderbaren Eindrücken geht es zurück in Richtung Fasanenlache. Dort wartet in der Jagdhütte des Fördervereins Lernort Natur ein leckeres und üppiges Frühstück auf die Vogelstimmenwanderer.