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Sebastian Breuer gewann den Europameistertitel im Mountainbike Ultra-Marathon. Foto: meli
17. September 2021 

Europameister erlebt emotionale Berg- und Talfahrt

Mountainbiker Sebastian Breuer aus Auerbach berichtet von seinem Wettkampf in Spanien und einem koffeinhaltigen Traum

AUERBACH, September 2021 (tt), Ein ständiges Auf und Ab sind Mountainbiker ja gewohnt. Doch diesmal hatte es Sebastian Breuer mit einer emotionalen Achterbahnfahrt zu tun. Am 26. Juni holte sich der 31-Jährige den Europameistertitel im Mountainbike Ultra-Marathon in Val d’Aran im Herzen der spanischen Pyrenäen. Kurz vor dem Termin wurde er vom Bund Deutscher Radfahrer aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen. Ohne Begründung.

Nur über eine Wildcard des Veranstalters schaffte er es doch noch ins Teilnehmerfeld. Ein Nervenzirkus für den Sportler, der kurz zuvor einen engen Freund durch eine schwere Krankheit verloren hatte. Seinen Sieg hat er ihm gewidmet. Auch deshalb, weil dieser ihn ermutigt hatte, trotz einer schwierigen Trainingsphase in Spanien an den Start zu gehen. Nach zehn Stunden und 38 Minuten erreichte er das Ziel. Mehr als 23 Minuten vor dem Zweitplatzierten.

Klar: der Triumph war auch ein wortloser Kommentar über seinen Rauswurf aus dem Nationalteam. „Ich habe nur eine lapidare Mail erhalten, in der stand, dass ich nicht mehr dabei bin“, so Breuer, der in Kassel geboren wurde und in Krefeld aufgewachsen ist. Seit kurzem lebt er in Bensheim-Auerbach. Manchmal sieht man ihn in Wald-Michelbach oder am Melibokus trainieren. Auch, wenn das für den Europameister eher eine bessere Bodenwelle sein dürfte. Der Höhenunterschied auf der 213 Kilometer langen EM-Strecke betrug 6500 Meter. Das ist vergleichsweise dünne Luft.

Mit etwas Abstand kann Breuer jetzt wieder durchatmen. „Das war eine heftige Zeit“, kommentiert er den Weg zum Titel. Als seine Teilnahme zwar gesichert, der Schicksalsschlag aber noch lange nicht verdaut war, wartete ein Kurs mit steinigen Downhill-Passagen und massiven Temperaturunterschieden zwischen zehn Grad in den Höhenlagen und fast 30 in der Ebene. Eine Herausforderung für Mensch und Material. Das Bike hielt durch, und Sebastian Breuer verbrannte 9000 Kalorien, um seinem Körper die nötige Energie zu geben. Der Rest war Psychologie. Ohne den Kopf gewinnt man nicht, betont der Athlet, zu dessen Crew neben dem Trainer auch ein Physiotherapeut gehört.
Hinzu kommen Reisekosten für den Trip zu Wettkämpfen oder ins Trainingslager. Als Amateursportler und zweirädrige One-Man-Show ist er es gewohnt, den Aufwand selbst zu schultern. Partner und Sponsoren würde er daher gerne mal die Hand schütteln, so der Biker, der erst 2012 aufs Mountainbike gewechselt ist. Auf dem Rennrad war er schnell in die Bundesliga gefahren. Und er war europaweit unterwegs. Jedes Wochenende irgendwo anders. Er stand unter Vertrag, mit Sponsor und allem. Als junger Kerl zählte er zu den besten Radrennfahrern des Landes.
Trotz heller Perspektiven: „Ich hatte Lust auf eine neue Herausforderung und wollte vom Asphalt raus in die Natur“, beschreibt er seine Motivation für den Umstieg. Anders als beim Straßenrennen komme es beim Mountainbiking nicht nur auf Schnelligkeit, sondern vor allem auf Geschicklichkeit an. Technisch anspruchsvoller, insgesamt spannender. Bei einem 1,94 Meter-Mann wie ihm sei das Thema Ernährung eine wesentliche Größe für den sportlichen Erfolg. Denn für einen Mountainbiker ist er ziemlich lang. Also muss er dafür sorgen, dass trotz der Physis nicht zu viel Gewicht auf die Reifen kommt. Entsprechend schlank schaut er aus.

Und die interne Verbrennungsmaschine läuft beinahe pausenlos. Letzten Herbst ist er mit einem Freund von Bensheim über Kassel nach Krefeld gefahren. Eine biografisch geprägte Tour. Gut 600 Kilometer weit. Kurz zuvor wurde Breuer Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften. Eigentlich wollte er auch den Transcontinental Race 2020 fahren, doch der 4500-Kilometer-Radmarathon wurde aufgrund der Pandemie abgesagt. „Ein großes Ziel“, betont er.

Im September findet die bekannte Bikepacking-Tour Badlands statt, für die er den Sommer über trainiert. 725 Kilometer durch einige der sportlich anspruchsvollsten Regionen Spaniens: Hoya de Guadix, Gorafe Wüste, Cabo de Gata Naturpark und Veleta Pass. 85 Prozent Offroad. 100 Prozent Tortur. Und Sebastian Breuer freut sich wie Bolle. „Die Szene im Ausland wacht gerade wieder auf“, sagt er. In Deutschland sei man noch vorsichtig. Neue Horizonte erkundet der Leistungssportler aber nicht nur in unwegsamem Gelände.

Durch seine Liebe zum Kaffee entstand Ende 2018 das Projekt „Lena´s Coffee Brand“. Ein kleines Startup in Auerbach, das er als Geschäftsführer mit einem kleinen Team weiter entwickeln möchte. Der große Traum wäre ein eigenes Café. Sich immer wieder neuen Erfahrungen und noch größeren Herausforderungen stellen, lautet sein Credo. Auf dem Berg wie an der Kaffeemaschine.