02. April 2026 

Ewig im Gestern – Daddeln wie Papi

Retro-Games-Messen locken hunderte Spielefans an | Nächster Event am 18. April in Heidelberg

LAMPERTHEIM, März 2026 (tt), „Das Nerdtum hat viele Facetten“, sagt Bernd Kühn. Auf eine ganz besondere hat er sich spezialisiert: Retrogames. Computerspiele aus den 80er und 90er Jahren. Als die Joysticks noch dick wie Golfbälle waren und die eckige Grafik gemütlich hinterher geruckelt ist. Dennoch hatten die Pioniere des Genres etwas, das bei der Perfektionierung und Konfektionierung der digitalen Unterhaltungselektronik verlorengegangen ist: Charme.

„Moderne Konsolen sind Stress. Die Szene hier schätzt entspanntes Spielen ohne Zeitdruck“, sagt der Veranstalter, der mit seinen Insidermeetings seit neun Jahren durch die Lande zieht. Die langsamen Vorfahren hatten vielleicht fünf, sechs Levels, dass habe auch mal in eine Mittagspause gepasst. Wer ein zeitgenössisches Adventure beginnt, der kann ein Jahr Urlaub nehmen. Und ist wahrscheinlich immer noch nicht fertig.

Die Nostalgie-Messen locken eine große Community an, die stetig weiter wächst. Der 49-Jährige beobachtet den Trend mit großer Freude und Zufriedenheit. Die kollektive Wertschätzung für die alte Technik hat alle Modernisierungsschübe tapfer überlebt. Die Spielewelt ist ein Treffpunkt im nicht-virtuellen Raum, ein Nischentrend mit Retro-Zauber und viel Interaktion, die auch ohne W-Lan funktioniert. Hunderte „Follower“ kamen im Januar nach Lampertheim. Am 18. April macht der Messezirkus in Heidelberg Station.

In einer Online-Welt voll hyper-realistischer Grafik reizt viele die Rückkehr zum klassischen Gaming. Das war auch Tenor in der Lampertheimer Hans-Pfeiffer-Halle, wo sich viele Szenegrößen getroffen haben. Auch Dominic vom Stuttgarter Kultladen Verleihnix. „Die alten Spiele sind einfach schöner“, sagt der Händler inmitten der Fangemeinde, die aus dem Kommerz von einst den Kult von heute gemacht hat. Doch es sind nicht nur ergraute Väter und hängengebliebene Berufsjugendliche unterwegs. Auch die Kids sind von den Old-School-Klassikern aus der Computer-Frühzeit fasziniert. „Unser jüngstes Mitglied ist sieben Jahre alt“, sagt Ruben Esch, Redakteur bei Big-N-Club, dem größten unabhängigen Nintendo-Fanclub Deutschlands mit Sitz in Ilvesheim. Er zeigt eine Spielkonsole der ersten Generation aus dem Jahr 1977, die nur eins kann: Pong. Zwei Striche und ein Quadrat. So hat man früher vor klobigen Furnierfernsehern Tischtennis gespielt. Das war damals fast Science-Fiction.

Aber auch der graue Traum pubertierender IT-Vorreiter feiert eine Renaissance. Der Commodore C64, ein legendärer 8-Bit-Heimcomputer mit 64 KB Arbeitsspeicher, der seit seiner Premiere 1982 zum meistverkauften Heimcomputer seiner Art geworden ist. Früher haben stolze Besitzer seitenlange Programm aus Fachzeitschriften abgetippt, um einen Affen durch ein Labyrinth zu bewegen. Die Fehler im System waren inklusive, so dass man vier Wochen warten musste, bis in der nächsten Ausgabe die Korrekturen veröffentlich wurden. „Rückblickend ist das Magie“, schwärmt ein 53-jähriger Mann aus Bürstadt. Er ist froh, dass die Messe „um die Ecke“ Station macht. Und er hat seinen Junior dabei. Der soll auch mal was anderes spielen als „Elden Ring“ oder „God of War“ – Kenner werden sich darunter was vorstellen können. Heute abonnieren Kids einen Game-Pass für den schnellen Zugriff zum Zocken. Damals sparte man auf eine Konsole mit eingebauter Spielesammlung.
Gregor Schillinger entwickelt unter dem Label „Retro Arts“ moderne Software für den Commodore 64. Durch ein zugefügtes MP3-Modul kann der „Brotkasten“ jetzt auch Melodien erzeugen. Zwar gibt es auch moderne Computerhirne im altehrwürdigen Design, doch die Retrogemeinde bevorzugt immer das Original.

Bernd Kühne spricht von Entschleunigung. Seine Zielgruppe liebt die alten Spiele, weil sie einen Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft darstellen. „Manche Konsolen laufen seit 40 Jahren.“ Man streichelt seinen Atari 2600, schiebt eine Diskette mit „Monkey Island“ in einen Amiga oder fährt geduldig einen Schneider CPC 464 hoch, dessen Innenleben vom britischen Unternehmen Amstrad stammt. Einer der größten C64-Konkurrenten, mit Drei-Zoll-Diskettenlaufwerk, Motorola-6845-Controller und einem Soundgenerator für 3-Kanal-Stereo-Klang. Ja, sowas erfährt man bei einer Retrogames-Con.

Im Kosmos aus Weltraum-Ballerspielen, Jump and Runs, Strategiespielen und frühen Grafik-Adventures fühlt man sich schnell wohl. Wenn man über 40 ist, dann sowieso. Und das Hobby boomt. In der Regel kommen zu den Messen bis zu 1000 Besucher am Tag. In Lampertheim dabei war auch Frank Engelhardt aus Frankfurt. Er sammelt Originalkostüme von Filmsets. Denise Weiß erscheint als Prinzessin Leia aus Star Wars. Auch die Cosplay-Szene ist vertreten. Andreas König aus Wiesbaden öffnet Gameboys, staubt die Platine ab oder baut effektvolle Lämpchen ein. Es gibt Theken voller bunter Manga-Püppchen, schwere Kataloge mit Tauschkarten und kilometerweise Kabel.

Und mittendrin Giuseppe Lombardo aus Limburg, der eine App entwickelt hat, die Sammlern die Verwaltung ihres Archivs erleichtert. Bei der Messe ist er goldrichtig. Zuhause hat der IT-Kenner 400 Konsolen stehen. Er erwartet, dass sein digitales Tool demnächst durch die Decke gehen wird wie Super Mario. Der Typ mit Schnurrbart und blauer Latzhose, der mit „Donkey Kong“ berühmt wurde, ist auf faszinierende Weise alterslos. Und eine der wenigen Konstanten, die es von Mitte der 80er bis in die Gegenwart geschafft haben. Den italienischen Klempner kennt jeder, mag jeder, spielt jeder. Der „Super Mario Galaxy Film“ kommt im April in die Kinos.

Weitere Infos und Termine zu den Retrogames-Con unter www.retrogamescon.de.