Früher war mehr Lametta
Wera Kupser zeigt im Bickenbacher Museum ihre beeindruckende Sammlung von historischem Weihnachtsschmuck
BICKENBACH, Dezember 2025 (tt), Beim Thema Christbaumschmuck denkt man fast unweigerlich an das berühmte Loriot-Zitat: „Früher war mehr Lametta!“ Doch handelsübliche Stanniolstreifen sind viel zu banal, als dass sie in der Kollektion von Wera Kupser eine tragende Rolle spielen würden. Sie kommen aber vor. Denn mit ihrem reichen Fundus will die Sammlerin aus Vallendar bei Koblenz die Entwicklung des saisonalen Baumbehangs im Wandel der Zeiten dokumentieren und Traditionen für die Zukunft bewahren. Die aktuelle Sonderausstellung im Bickenbacher Museum läuft bis 1. Februar und damit bis weit über die Weihnachtszeit hinaus. Man kann sich im Kolbschen Haus also noch lange nach dem Fest in Stimmung bringen.
Die erste Vorsitzende Margit Franz freute sich bei der Vernissage, mit Wera Kupser eine von wenigen Expertinnen in diesem Spezialbereich, ausstellen zu dürfen. An zwei Wochenenden im November wurde die Präsentation mit gro-ßem Aufwand vorbereitet. Etliche Vitrinen wurden bestückt und mit Texterläuterungen versehen. Darunter auch eine mit Baumschmuck aus Folie und Stanniol, wie er in den 1970er Jahren immer mehr in Mode kam. Doch die Kunststoff-Ära, die bis heute andauert, ist für die Sammlerin nur eine archivarische Fußnote, die zu einer ganzheitlichen Collage dazugehört. Am meisten liebt Wera Kupser ihre Exponate aus feinstem geblasenem Glas oder edlen Metallen. Kleine, filigran gearbeitete Kunstwerke aus den für Insider namhaften Manufakturen Europas.
Zum Beispiel die Gablonzer Hohlglasperlen, die in einer Firma in der Tschechischen Republik noch heute hergestellt werden. Die Herstellung von Christbaumschmuck hat in Poniklá mehr als einhundertjährige Tradition.
Ursprünglich stellte man aus den Glasperlen lediglich Bijouterie her, ab Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Glasmacher dann damit, sie auf Draht aufzufädeln und aus ihnen Miniaturnachbildungen von Gegenständen zu fertigen: darunter Flugzeuge, Lokomotiven, Kinderkutschen und Sternchen. Die gesamte Fertigung vom Blasen der Glasperlen in Formen, das Versilbern, Färben, Schneiden sowie die Montage erfolgt bis heute in purer Handarbeit. 2020 wurde die Herstellung von Weihnachtsschmuck aus Glasperlen in die Liste für immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Gleich daneben erkennt man Schmuckstücke aus Watte und Pappe, aus denen Figürchen oder Kugeln geformt und mit Glimmer bestreut wurden, was sie zu einer funkelnden und zudem preisgünstigen Baumdekoration macht. Aus Dresden kommen mit die schönsten dieser Miniaturen, die auch fast 100 Jahre nach ihrer Fertigung nichts von ihrem Charme und ihrem ästhetischen Reiz verloren haben.
Sehenswert sind auch die Repliken von Christbaumschmuck aus dem Viktorianischen Zeitalter, der wegen seiner Formenvielfalt und feinen Fertigung bekannt ist. Noch heute werden Nachbildungen und Interpretationen in einer Manufaktur in Thüringen hergestellt. Wera Kupser kennt die meisten von ihnen persönlich. „Ich bin meistens vor Ort“, sagt sie in Bickenbach und zeigt Motive aus Blei, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode kamen. An Heiligabend wurden die flachen Objekte an den Baum gehängt, an Silvester wurden sie eingeschmolzen, um beim gemeinsamen Bleigießen – wie heute noch – sein persönliches „Schicksal“ im neuen Jahr zu erfahren. Daraus entwickelten sich später auch wunderschön gestaltete dreidimensionale Schmuckstücke aus Zinn, die unter anderem aus einer Gießerei am Ammersee kommen: edel, matt und mit filigranen Motiven versehen.
In Bickenbach zeigt die Sammlerin rund zwei Drittel ihrer Kollektion. Wera Kupser pflegt ihre Leidenschaft seit über 40 Jahren. „Als ich acht war, hat mir meine Großmutter einen kleinen Weihnachtsbaum samt Schmuck geschenkt.“ Seither liebt sie die dekorative Vielfalt, die sie gern in einem zeitgeschichtlichen und stilistischen Kontext interessierten Menschen präsentiert.
Darunter auch das Retro-Glaskunst-Design von Veit Hartleb. Ende der 1980iger Jahre spezialisierte er sich als Kunstglasbläser. 2005 machte er sich selbstständig als Christbaumschmuck-Glasbläser, ein Beruf, in den nun all sein Können in sehr speziellen Formen zusammenfließt und einen ganz eignen Stil definiert. Berühmt ist Hartleb vor allem für seine magischen Pilze, die scheinbar einer surrealen Traumwelt entstammen. Zu den Lieblingen der Besitzerin gehören aber auch die zarten Kunstwerke aus Fadenglas und die magischen Reflexkugeln, die sie schon als Kind fasziniert hatten. Diese sogenannten „Täuscherle“ vereinen Dekorationssteine im Kern mit einem Spiegelreflex in der inneren Hülle, was reizvolle Effekten am erleuchteten Christbaum erzeugt und für einen edlen, luxuriösen Touch sorgt.
„Diese Ausstellung passt hervorragend in die Zeit“, so Bürgermeister Markus Hennemann bei der Vernissage. Der Arbeitskreis Kultur, dessen Vorsitz er innehat, präsentiert dieses Jahr unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten erstmals die „Bickenbacher Advenstssterne“, Die Sonderausstellung ist in diese kleine Veranstaltungsreihe eingebunden.
