Konsum von heute spiegelt Verantwortung für morgen
Über 60 Gäste beim dritten Bürgerdialog Nachhaltigkeit in Alsbach
ALSBACH-HÄHNLEIN, Dezember 2025 (tt), Der Ramsch des Einen ist das Glück des Anderen. Oder anders gesagt: Nützlichkeit ist eine Frage der Perspektive. Jeder Flohmarkt funktioniert nach diesem Prinzip. Die Urform von Upcycling und Nachhaltigkeit. Es gibt aber auch andere, jüngere Varianten dieser Idee, bei denen die gemeinsame oder abwechselnde Nutzung von Gütern, etwa durch das Tauschen, Leihen, Mieten oder Schenken, im Zentrum steht.
Sharing Economy heißt das Neudeutsch. Eine Wirtschaft des Teilens, die sich auf vielen Ebenen abspielen kann. Das Kollektiv teilt sich Autos und Wohnungen, Gärten und Parkplätze, Werkzeug und Kleidung, Lebensmittel und Fahrräder, Büroräume und sogar Haustiere. Das ist so erfolgreich und attraktiv, dass es längst kommerzielle Akteure auf den Plan gerufen hat.
Im Kleinen gibt es solche Modelle auch in der Region: öffentliche Bücherschränke in Pfungstadt oder das Repaircafé in Bickenbach, das alte Dinge instand setzt. Die (wenig genutzten) Mitfahrbänke in Alsbach oder das Sozialkaufhaus des DRK in Hähnlein, das gebrauchte und gespendete Waren anbietet.
„Teilen macht Freude und Freunde“, betonte Dr. Andreas Brockmeyer vom Klima- und Nachhaltigkeitsbeirat (KNB) der Gemeinde Alsbach-Hähnlein zu beginn des dritten Bürgerdialogs Nachhaltigkeit, der Mitte November im Bürgerhaus Sonne stattgefunden hat. Über 60 Gäste beteiligten sich an der gut zweistündigen Informations- und Diskussionsveranstaltung. Darunter auch Bürgermeister Sebastian Bubenzer und sein Vorgänger Georg Rausch. Die Themen waren Konsum, Verpackungsmüll und Lebensmittelverschwendung.
Seit nahezu vier Jahren beschäftigt sich der KNB mit Fragen des Klimaschutzes und setzt sich in und für die Gemeinde mit Aspekten der Nachhaltigkeit auseinander. Leitfaden ist der kommunale Klima- und Nachhaltigkeitsaktionsplan. Projektpartner ist das Europäische Institut für Arbeitsbeziehungen (EIAB), ein gemeinnütziger Verein, der die europäische Integration durch einen sozialen und interkulturellen Dialog fördern will. Das Thema Nachhaltigkeit gehört ebenfalls ins Portfolio des in Alsbach ansässigen Vereins. Nach den Hauptthemen Klima und Wasser ging es diesmal um den Komplex Kaufen und Verwerten. Lisa Scholz von der Verbraucherzentrale Hessen widmete sich in ihrem Vortrag mit dem Titel „Genießen statt Verschwenden“ der Frage nach intelligentem Konsum und Lebensmittelverschwendung. In Deutschland landen jährlich etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Dies entspricht etwa 75 Kilogramm pro Kopf.
Die meisten dieser Abfälle entstehen in privaten Haushalten, wo etwa 59 Prozent aller Lebensmittelabfälle anfallen. Rund ein Drittel ist Obst und Gemüse, weil es nur relativ kurz nutzbar ist. Die Lebensmittelverschwendung hat erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt, da sie Ressourcen wie Wasser, Düngemittel und Technik kosten und Treibhausgase freisetzen. Um die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, sei es wichtig, dass Verbraucher bewusster mit Lebensmitteln umgehen und diese nachhaltig nutzen, so die Referentin, die betont: „Etwa die Hälfte dieses Abfalls könnte durch kluges Einkaufen vermieden werden.“ Finanziell würde das ein durchschnittliches Einsparpotenzial von 137 Euro pro Jahr und Haushalt bedeuten.
Die Gründe der Verschwendung: zu viel gekauft, zu viel gekocht oder falsch gelagert. Tipp der Ernährungsexpertin: zuerst die Vorräte prüfen und nur nach Bedarf kleinere Mengen einkaufen. Produkte, die sich nicht so lange halten, zuerst verbrauchen. „Am besten im Kühlschrank nach vorn stellen.“ Wer es kann, sollte beim Direktvermarkter kaufen. Das spart zudem überflüssiges Verpackungsmaterial.
Sarah-Helene Sowa ist als Sustainability Managerin verantwortlich für den Bereich Nachhaltigkeit beim E-Bike-Hersteller Riese & Müller am Standort Mühltal. Die Manufaktur setzt auf Material-Recycling und die Wiederverwendung von großen Verpackungen. Auf diese Weise habe man den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens in den letzten drei Jahren markant reduzieren können, so die Mitarbeiterin, die in Alsbach lebt und sich unter anderem im Vorstand der Initiative Umweltschutz (IUHAS) engagiert. Die Betriebswirtschaftlerin war vor einigen Jahren aus der Finanzwelt in die Mobilitätsbranche gewechselt.
Radfahren ist auch für Christian Haibt vom KNB eine der besten Möglichkeiten, um die Umwelt zu schonen – und ein ideales Beispiel für Nachhaltigkeit im Alltag. Haibt, der sich auch als Vorsitzender beim Verein „Lernort Natur an der Fasanenlache“ engagiert, brachte beim Bürgerdialog verschiedene Ideen ins Spiel, wie man täglich Ressourcen sparen kann. Zum Beispiel bei der persönlichen Garderobe. Der negative Trend heißt Fast Fashion: „schnelle Mode“, billig produziert und teuer für die Umwelt, weil bald wieder out. Das zerstört Natur und Ressourcen. Besser als diese Wegwerfmode sei es, hochwertige Kleidung zu kaufen, die man lange tragen und reparieren kann. Er empfiehlt nicht nur das gute alte Handwerk, das offene Nähte schließt und Schuhe neu besohlt – sondern auch Großmutters Fingerfertigkeiten beim Sockenstopfen.
In Unverpackt-Läden oder auf dem Markt lässt sich Verpackungsmaterial vermeiden, und wer Busse und bahnen – oder Fahrrad – fährt, kann das Auto auch mal stehen lassen. Banale Dinge mit großem Effekt, so Haibt, der wie alle Referenten auch mit dem Publikum in einen Dialog getreten ist. Das war der Sinn der Veranstaltung, die globale Themen in einer lokalen Dimension beleuchtet und dabei alle Bürger – Jung und Alt – für die Welt von morgen sensibilisieren will. EIAB-Vorsitzender und KNB-Mitglied Dr. Lutz Büchner fasste die Ergebnisse zusammen und blickte nach vorn. Der nächste Bürgerdialog im kommenden Jahr soll sich mit dem Thema Kleidung beschäftigten.