Essen und Trinken, Zwingenberg und Rodau

Rund 150 kg Zwetschgen wurden zu köstlicher Latwerje verkocht. Foto: soe
20. Oktober 2015 

Mit Muskelkraft zum „Museums-Mus“

Wie Geschichtsbewusstsein durch den Magen geht, bewies der Geschichtsverein Zwingenberg mit einem kulinarischen „Lebendigen Museum“

ZWINGENBERG, Oktober 2015 (pem), „Latwersch“ oder „Latwerje“ ist hessische Mundart und kann mit „Pflaumenmus“ übersetzt werden. Tatsächlich war der Begriff „Latwerge“ im Mittelalter allgemein gebräuchlich und bezeichnete eine „erlesene Breispeise“ oder auch ein Heilmittel. Früchte und Säfte wurden dickflüssig eingekocht, mit Honig und Gewürzen zu einem dicken Brei vermengt, den man trocknete. Der Fruchtzucker sorgte für ausreichende Konservierung, so dass man den in Scheiben geschnittenen „Latwerge“ noch eine gute Weile als kräftigende Nahrungsergänzung im Vorrat halten konnte.

Zur Konservierung des Museums-Mus ist allerdings ein Vorhängeschloss vor der Speisekammer und eiserne Disziplin von Nöten. Ohne solche Präventivmaßnahmen hält sich die Köstlichkeit wohl in keinem feinschmeckenden Haushalt lange! Zum zweiten Mal springt der Geschichtsverein Zwingenberg für die Landfrauen in die Bresche, die zuvor die kräftezehrende, spätsommerliche Tradition des Latwerjekochens gepflegt hatten.

So rührig die Damen auch sind, überstieg das Rühren doch ihre Kräfte, so dass sie sich als Hüterinnen der Rezeptur auf Beraterposition zurückzogen. „Warmschaffen“ konnten sich die Vereinsmitglieder und freundlichen Helfer bereits am Freitag beim Entkernen von drei Zentnern Pflaumen. Doch der eigentliche „Küchensport“ fand am Samstag statt: Kein Mus ohne Muskelkraft – das erfuhr jeder, der sich in den Reigen der Zweistunden-Schichten einklinkte. Hilfsbereit, wissbegierig, stets auf Kommunikation und Integration bedacht, machte sich auch eine Gruppe der in Zwingenberg lebenden Eritreer mit diesem Stück alter Lokalkultur vertraut.

Jeder, der hier rührend Hilfe leis­tete, sicherte sich das Vorkaufsrecht am fertigen Produkt sowie eine herzhafte Portion des klassischen Latwerjekocher-Schmauses: Flaaschworschd, Brot un Gummer.
Im Vorjahr füllte man 201 Glas ab und weshalb in diesem Jahr nur 199? Wurde da am Ende zu oft die Qualität geprüft? Haben sich flinke Naschkatzen zu früh des Kessels zur Restverkostung bemächtigt? Jeder könnte das verstehen, dem die herbsüße Würze schon einmal den Gaumen gekitzelt hat. Der Grund liegt aber eher einfach in der Konsistenz der Früchte, 160 Gramm pro 100 Gramm Mus sind immer garantiert. Um der Vermarktung des mit historische Gerät, dem hölzernen „Latwerjeriehrer“ oder „Faulenzer“ im gewaltigen Metallkessel hergestellten „Museums-Mus“ einen würdigen Rahmen zu geben, lud der Geschichtsverein am Sonntag zu einem „Lebendigen Museum“ ein. Veranstaltungen dieser Reihe finden durchs ganze Jahr statt und haben zum Ziel, jahreszeittypische Tätigkeiten, Brauchtum oder auch traditionelles Handwerk in Aktion vorzustellen.

Dazu hatte man auch Gäste gebeten, wie einen pfälzischen Imkerbetrieb oder eine Senfmacherin. Die diplomierte Ökotrophologin Anette Degenhardt arbeitet in der Berufsschulausbildung von Köchen, beschäftigte sich in einem Jahrgang mit Gewürzen und kam so zur Senfherstellung.

Das ehrgeizige Interesse ließ sie nicht ruhen, bis es ihr mit Experimentierfreude gelang, die zunächst unbefriedigenden Ergebnisse zu gourmetverdächtiger Qualität zu bringen. Deshalb führt sie originelle Geschmacksrichtungen wie Dattel-Ingwer, Kürbis, Mirabelle und natürlich Pflaume im Sortiment. Für all die Leckereien, ob süß oder scharf gilt, dass zur Not der Aufstrich auch ohne Brot schmeckte. Dennoch nahm der Geschichtsverein den Museumssteinofen in Betrieb, um krustig-knackiges Brot von unnachahmlichem Geschmack herzustellen.

Während die Kinder auf dem Zwergpony geführte Runden drehen durften, mochten die Erwachsenen ein wenig dem Flair der guten alten Zeit nachspüren mit entschleunigtem Handwerk und Hausmacherqualität. So geht auch Geschichtsbewusstsein durch den Magen.