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Seit über zehn Jahren ist Osman Citir als Jugendcoach unterwegs. Foto: Thomas Tritsch
06. Juli 2022 

Den eigenen Weg gehen – und zwar sofort!

Motivationstrainer Osman Citir gastierte an der Alsbacher Melibokusschule

ALSBACH-HÄHNLEIN, Juli 2022 (tt), Osman Citir ist Comedian. Doch sein Leben war nicht immer unterhaltsam. Geboren wurde er 1982 als Sohn türkischer Gastarbeiter in Weinheim. Der Vater sprach kaum Deutsch, das Geld war knapp, die Zukunft ungewiss. Vom orientierungslosen Hauptschüler boxt er sich über bergiges biografisches Gelände bis zur Berufsausbildung durch. Heute motiviert er Schüler, damit auch sie es schaffen können.

Jeweils rund 120 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 7 bis 10 haben an drei Tagen an der Alsbacher Melibokusschule sein aktuelles Bühnenprogramm erlebt und anschließend die Workshops besucht. Darin wurde den jungen Leuten konkrete Tipps vermittelt, wie sie besser lernen können und ihre selbst gesteckten Ziele erfolgreich umsetzen können. Seit über zehn Jahren ist Osman Citir als Jugendcoach unterwegs und hat seither über 500 Auftritte absolviert. Jetzt war er erstmals an der kooperativen Gesamtschule zu Gast, an der rund 770 Schüler von 65 Lehrern unterrichtet werden.

In der kleinen Sporthalle präsentierte sich Citir als authentisches Vorbild, als „einer von euch“. Als Identifikationsfigur plädiert er an die Schüler, dass sie selbst es in der Hand haben, erfolgreich zu sein. In seinem Programm holt er die jungen Leute da ab, wo sie sind: Auf der oftmals wackligen Stufe zwischen Schule und Beruf. Locker, humorvoll und authentisch berichtete er aus seinem Lebenslauf, der mit der Hauptschule begann und ihn über eine Ausbildung – „dank Fleiß und Disziplin“ – bis auf die Bühne geführt hat. Er jongliert mit Multikulti-Themen, drischt ironisch Vorurteile ab und macht sich über die gängigen Klischees lustig. Das lockert die Stimmung und schafft Vertrauen.

Für die Zuhörer ist er ein sympathisches Vorbild, das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger aus dem Elfenbeinturm predigt, sondern von den eigenen Schicksalsschlägen und Blockaden berichtet. Mit seinem neuen Buch will er dabei helfen, Jugendliche zu motivieren, einen möglichst guten Schulabschluss zu machen, um mehr berufliche Perspektiven genießen zu können. Auch sein eigener Weg war keine gerade Linie. Nach der Mittleren Reife sowie einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gärte die Entscheidung, nach mehr zu streben.

Osman Citir bewies Eigeninitiative und arbeitete daran, Stand- Up- Comedian zu werden. Seine Motivation, es auf der Bühne schaffen zu wollen, schöpfte er vor allem daraus, dass er anhand seines Werdegangs erkannte, wie viel man aus eigener Kraft tatsächlich erreichen kann. Das Rezept: eine Mischung aus Fleiß, Selbstmotivation, Arbeit und Eigeninitiative. Die Ouvertüre in Alsbach ist ein 90-minütiger interaktiver Stand-up-Part mit viel Emotion und Empathie. Er erzählt von falschen Freunden, familiären Spannungen und persönlichen Zukunftsträumen, die mit den Wünschen der Eltern nichts zu tun haben. Seine Botschaft: geh deinen eigenen Weg und nicht jenen, den sich andere für dich ausgedacht haben. Wer seine eigenen Stärken und Talente nutzt, der werde letztlich glücklicher und erfolgreicher im Beruf.

„Du kannst es schaffen. Es liegt an dir“, lautet die Message. Im Anschluss an das Bühnenprogramm ging es in die Klassen, wo er mit Schülern verschiedene Themen diskutiert hat, die im Vorfeld mit der Schule abgestimmt wurden. Kämpfen oder aufgeben? Abdriften oder durchstarten? Wie überwindet man Hindernisse, die größer als man selbst erscheinen? In der zweiten Hälfte des Intros kamen auch weniger lustige Themen auf den Tisch – was so manchen Schüler stark bewegt hat. Seine eigene Biografie ist der rote Faden, der das Thema den Zuhörern beispielhaft näherbringt: In plastischen Erzählungen lässt er Wendepunkte seines Lebens Revue passieren, die handfeste Entscheidungen erforderten.

Ganz langsam bewegt er sich in das Hauptthema hinein, berichtet von schlechten Schulnoten, demotivierenden Phasen und davon, wie er eine Klasse mal wiederholen musste. Der Wechsel auf die Berufsfachschule stand mehrmals auf der Kippe. Vor allem sein Notendurchschnitt war eine Blockade. Citir brauchte einen Dreier-Durchschnitt in den Hauptfächern. Englisch war die große Hürde. Doch der Schüler lernt wie ein Berserker und kommt voran, startet aus sich heraus eine Lerngruppe und verfolgt sein Ziel konsequent. Er rackert sich mündlich ab und zeigt ein gutes Sozialverhalten. Dafür bekommt er die erhoffte drei und kann die Karl-Kübel-Schule besuchen, ein berufliches Schulzentrum in Bensheim. Doch er spielt den Comedian und flirtet mit den Mädchen – und er bleibt sitzen. Seine Mutter drängt ihn in den Sommerferien dazu, in einer Fabrik zu arbeiten. Der junge Mann schrubbt Toiletten, und er erlebt den harten Alltag, der ihm blühen kann, wenn er die Schule vernachlässigt. Er will seine Chancen nutzen und einen anderen Kurs einschlagen.

Dann erzählt er von seinem Praktikum bei einem Heizungsmonteur. Eine Erfahrung, die ihm gezeigt hat: Handwerk lieber nicht. Osman Citir schlägt den Weg in eine kaufmännische Lehre ein, die er erfolgreich abschließt. Als Einzelhandelskaufmann arbeitet er bei einem Möbelhändler, wo er sich über ein Praktikum und viel Eigeninitiative einen Ausbildungsplatz ergattert. Bis er sein Faible für die Comedy entdeckt. In der Sporthalle wird viel gelacht, aber es fließen auch Tränen: als sein jüngerer Bruder an Lymphdrüsenkrebs erkrankt, erkennt er, was es bedeutet, den Kampf niemals aufzugeben. Er überwindet das Todesurteil und wird zum Vorbild für den großen Bruder. „jetzt erst recht“, sagt er sich und startet durch. Die Botschaft des Coaches: Wer sich hängenlässt, hat schon verloren, bevor es losgeht.

„Eure Eltern wollen nur das Beste für euch – aber was wollt ihr?“ fragte Osman Citir in die Runde. Jeder soll seiner eigenen Berufung folgen, seinen eigenen Weg suchen und konsequent weiterverfolgen. Die beste Zeit, damit zu beginnen, sei jetzt sofort, so der leidenschaftliche Motivator in Alsbach, wo Schulleiter Mathias Volkart den Gast begrüßte.

Finanziert wurde der Schulbesuch vom Hessischen Landesprogramm „Löwenstark – der BildungsKICK“, das Kinder und Jugendliche mit vielfältigen Maßnahmen und Angeboten bei der Bewältigung der Corona-Krise unterstützen soll. „Der Nachholbedarf ist enorm“, weiß auch Osman Citir. Während der Pandemie seien auch viele Lernprobleme unbewältigt geblieben. Gerade jetzt gäbe es an Schulen für ihn viel zu tun. „Könnte sein, dass 2022 für uns ein Rekordjahr wird!“