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Die Vorstände des Fördervereins „Lernort Natur an der Fasanenlache“ Christian Haibt (li.) und Georg Rausch weihen den neuen in Eigenarbeit errichteten Holzofen mit einer gemeinsam gebackenen Pizza ein. Foto: soe
17. September 2021 

Feuer und Flamme: Gesellige Glut und sozialer Schmelztiegel

Tradition als Trend: Holzbacköfen sind kulinarisches Zentrum und gemütlicher Treffpunkt | Besinnung auf die einstige Backkultur in Hähnlein und Stettbach

ALSBACH-HÄHNLEIN/STETTBACH, September 2021 (tt), Der eigene Holzbackofen ist die Fortsetzung einer jahrhundertealten Tradition. Die selbst gemauerte Hitzekammer ist Outdoor-Küche auf archaische Art. Ein Trend, der eigentlich keiner ist. Öffentliche Backhäuser und gemeinsam genutzte Öfen gab es wahrscheinlich schon in der Antike, in Europa sind sie spätestens im 14. Jahrhundert nachgewiesen. In ländlichen Gebieten waren diese Zweckbauten bis in die 1960er Jahre recht weit verbreitet. Viele wurden später abgerissen und gerieten in Vergessenheit.

Doch die Erinnerung hat überlebt. Mit Folgen. Viele Kommunen, Initiativen und Vereine besinnen sich auf die einstige Backkultur. So auch das Örtchen Stettbach, wo es ein solches Häuschen von etwa 1820 bis in die 1950er Jahre gegeben hatte. An gleicher Stelle wurde danach ein Altglascontainer aufgestellt. Dort hat es nicht nur weniger gut gerochen, auch in ästhetischer Hinsicht war diese Entwicklung nicht gerade ein städtebaulicher Fortschritt. Im Zuge der Planungen für die (durch Corona abgesagte) 600-Jahr-Feier im vergangenen Jahr war die Idee entstanden, im Dorf der Gemeinde Seeheim-Jugenheim wieder ein solches Gebäude zu errichten. Ganz „Stiwwisch“ war begeistert. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden und Zuschüsse vom Land Hessen. Anfang Juli war Einweihung. 200 Besucher waren dabei.

„Neues Backhaus“ steht an der schmucken Hütte aus Holz und Mauerwerk, in der ein großer Ofen das Herzstück bildet. Aromatische Kostproben durften bei der Eröffnung natürlich nicht fehlen. Backhäuser waren früher ein zentraler Dreh- und Angelpunkt in vielen Dörfern. Regelmäßig wurde dort gemeinsam Brot gebacken. „Sie waren ein wichtiger Bestandteil zur Förderung der dörflichen Gemeinschaft“, sagt Ralf Steinmetz vom Feuerwehrverein, der sich neben dem Brandschutz auch die Förderung der lokalen Kultur auf die Fahnen geschrieben hat. Der Verein hat das Backhaus-Projekt maßgeblich vorangetrieben und trotz einiger Hürden bis ins Finale gebracht. Eine der Vorgaben war, dass der Gemeindehaushalt durch den Bau in der Ortsmitte praktisch nicht belastet werden sollte. Anfang Oktober erfolgte der erste Spatenstich. Künftig soll es hier Backhaustage geben, an denen man den eigenen Teig bringen kann, der dann ganz in alter Tradition fertig gebacken wird. Ein neuer Hot-Spot im wahrsten Sinne des Wortes.

Heiß her geht es auch in Hähnlein. An der Fasanenlache hat der Verein „Lernort Natur“ mit viel Eigeninitiative und literweise Herzblut einen Holzbackofen gebaut. Open-air versteht sich. Im letzten Herbst wurde der Standort festgelegt. Das neue Teil steht unweit der Hütte, was dazu beiträgt, dass auch dieser Teil des weitläufigen und sehr naturbelassenen Geländes mehr in die Nutzung einbezogen werden kann, wie der Erste Vorsitzende Christian Haibt erläutert. Er hofft, dass es die Corona-Situation bald möglich machen wird, dass der Ofen von Schulklassen, Kitas, Vereinen oder anderen Gruppen zum Pizza- und Brotbacken genutzt werden kann. Die bisherigen Versuche sollen überaus schmackhaft gewesen sein, wie Haibt versichert. Auch, wenn die ersten Schritte bisweilen etwas experimentell ausgefallen waren.

Bis auf einige wenige Ergänzungen, wie zum Beispiel eine Wärmeschutzisolation und eine Blechplatte als oberen Abschluss, ist das Objekt nun seit Anfang Juli praktisch betriebsbereit. Nach zwei bis drei Stunden Befeuern ist die Platte heiß genug für den Teig. Dann wird die Glut zur Seite geschoben. Bei bis zu 350 Grad dauert eine Pizza keine drei Minuten. Ist der Ofen auf etwa 250 bis 200 Grad abgekühlt, können auf einmal bis zu zwölf Brote eingespeist und 40 Minuten lang ausgebacken werden. Doch zuvor muss die Glut entfernt werden. Durch Wasser kann man die Temperaturen im Innern regulieren, zudem sorgt die Feuchtigkeit für eine knusprige Kruste, so Christian Haibt an einem Ort, an dem man Natur erleben und eine artenreiche Fauna und Flora entdecken kann.

Zwei Tische aus alten Kabeltrommeln stehen für kommende Hobby-Bäcker bereit. Auf ihnen lässt sich der Hefeteig gut zubereiten. Am liebsten regelmäßig, wie Haibt betont. Regelmäßige Backtreffen sollen das Vereinsleben bereichern und zwischen Brombeeren und Springkraut für gastronomische Erlebnisse sorgen.
Auch das Backen soll naturnah sein, so Matthias May vor mannshohen Brennnesseln, über die man in ein benachbartes Feuchtgebiet schaut, während am Himmel die Störche kreisen und einem unzählige Schmetterlinge um den Kopf flattern. Auf der anderen Seite des rund 2500 Quadratmeter großen Areals entsteht gerade ein Kräuterbeet als „Sinnesgarten“ zum Riechen und Schmecken. „Vor allem junge Besucher sollen hier den Zyklus der Natur hautnah miterleben“, so der Biologe, der auch Erwachsenen auf spielerische Art zeigen will, wie man die Umwelt bereits durch ganz kleine Verhaltensmaßnahmen schützen kann.

Auf dem Gelände der ehemaligen Jagdhütte wächst vieles. Auch Ideen. Und die sogar während der zurückliegenden Lockdowns, als Besuche plötzlich nicht mehr möglich waren. Indes wurde im Kleinen weiter gewerkelt. Fertig sei man nie, so Christian Haibt, der als gelernter Maschinenbauer auch viel handwerkliches und technisches Know-how einbringen kann. „Am Holzofen waren wir aber alle blutige Anfänger“, lacht der Vorsitzende, der schon bald anderen das Backen lehren will.