Alsbach-Hähnlein, Kreis Bergstrasse, Startnews

Entspannte Kerwemacher: Udo Mehl (re) und Nachfolger Yannick Schwab haben erfolgreich die Weichen für die Zukunft des  Hähnleiner Traditionsfestes gestellt. Foto: Thomas Tritsch
13. Oktober 2026 

Kerb in Südhessen: Zwischen Tradition und Zukunft

Neue Reihe: Wie lokale Volksfeste am Leben bleiben

BERGSTRASSE/ALSBACH-HÄHNLEIN, Oktober 2026 (tt) Die Kerb ist ein traditionelles Volksfest, das in vielen Regionen die Zeit überdauert hat. Gerade im ländlichen Raum gehört sie fest zur lokalen Kultur. Seit dem Mittelalter wird damit die jährliche Wiederkehr einer Kirchweihe gefeiert. Egal, ob man dazu Kerb sagt (eher im Odenwald und im hessischen Norden) oder Kerwe wie im Süden: diese Feste sind tief in der lokalen Geschichte verwurzelt. Ihre überlieferten Bräuche und Rituale werden meist mit viel Leidenschaft und persönlichem Einsatz vor dem Aussterben bewahrt. Eine Kerb ist nicht nur Feiern und Geselligkeit, sondern gelebtes Brauchtum und Ausdruck von Heimat. Und ihre Protagonisten tragen wesentlich zur Identität und zum Gemeinschaftsgefühl eines Dorfes oder Stadtteils bei.

In unserer neuen Reihe gehen wir auf Spurensuche in der Region. Dabei wollen wir herausfinden, welche konkreten Herausforderungen die Kerwemacher vor Ort bewältigen müssen – und warum es einigen besser gelingt als anderen, die Tradition am Leben zu erhalten. Wir wollen wissen: Von wem wird die Kerb organisiert? Wie kann man die nächste Generation zum Mitmachen motivieren? Wo entstehen neue Formate? Und was treibt die Menschen eigentlich an, sich in einer neuen Zeit für den Erhalt alter Traditionen stark zu machen?

Die Gründung des Hähnleiner Kerwevereins war das Signal eines Neubeginns. Denn vor 40 Jahren stand die Tradition auf extrem wackligen Beinen. Die Feste in den Hejner Gaststätten hatten keine Zukunft mehr. Also schlossen sich einige tapfere Individualisten zusammen, um die Geschichte weiter zu erzählen. Das neue Kapitel beginnt 1986. Doch nicht jeder hatte dem neuen Verein eine lange Zukunft zugetraut.

Seit vier Jahren sitzt Yannick Schwab am Ruder, das er vom langjährigen Vorsitzenden Udo Mehl übernommen hatte. Ein geschmeidiger Übergang, denn Mehl hatte frühzeitig die Fühler nach geeigneten Nachfolgern ausgestreckt. Mit Schwab (31) und seinem Stellvertreter Max Ganser – zwei gute Freunde – wurde in Hähnlein auch ein Generationswechsel eingeläutet. „Wir haben nicht versucht, die Jungen in starre Strukturen zu pressen“, sagt Udo Mehl, der früh gespürt hat, dass hier eine sehr aktive neue Jugend auf dem Sprung war, Verantwortung zu übernehmen. Also hat er offen und ehrlich gefragt, ob der Nachwuchs bereit ist: „Ich habe sie direkt angesprochen und wollte wissen, ob sie sich eine Arbeit im Vorstand vorstellen könnten.“ Auch während des Vorstandswechsels – und bis heute – ist Mehl ein erfahrener Ansprechpartner für die Vereinsspitze.

Yannick Schwab sieht sich als Teil eines starken Teams, zu dem außerdem noch Ursula „Usch“ Link, Giuliana Reusch, Jasmin Gebert, Perrine Motolese, Nelly Zehfuß, Vanessa Schwerdt, Christian Meid, Fabienne Schwab und Katja Wirthwein gehören. Im nächsten Jahr stehen wieder Wahlen ins Haus. Schwab ist zuversichtlich. „Es läuft.“

Dabei herrschen in Hähnlein spezielle Zustände, denn es gibt zwei verschiedene Lager: der rund 200 Mitglieder starke Kerweverein richtet die Hallenkerb aus und veranstaltet gemeinsam mit den Hejner Kerweborsch (und Mädchen) den Umzug an Kerwesonntag. Der Kerwespruch auf dem Marktplatz wird konsequent in Mundart gehalten. Auch das ist Tradition.

Daneben gibt es seit 2017 einen weiteren Veranstalter. Das sind die „DIE KERWEBORSCH“ (von der ehemaligen „Thekla-Kerb“), die ein eigenes Programm organisieren. Man agiert recht geräuschlos nebeneinander und stimmt sich mit Terminen ab. Leben und leben lassen. „DIE KERWEBORSCH“ warten auch dieses Jahr das Ende des Kerwespruchs am 18. Oktober an der alten Feuerwehr ab, bevor man mit der eigenen Musikparty beim Radsportverein startet.

Aber sie servieren auch einen eigenen Kerwespruch am 16. Oktober, bevor das dreitägige Jubiläums-Kerweprogramm von Schwabs Truppe ab 17. (Samstag) über die Bühne geht. Wieder mit großem Rummel auf dem Marktplatz, inklusive Autoscooter. Klingt kompliziert, funktioniert aber ganz gut.

Zu den Hejner Kerweborsch, die den Umzug organisieren, gehören aktuell Christian Meid, Tobias Flauaus und Lukas Habich. Alle Anfang 20. Und alle hoch motiviert, wie Yannick Schwab betont. „Ich muss niemanden überreden. Wenn ich Leute brauche, stehen sofort 15 bis 20 Kollegen auf der Matte.“ Die Jüngsten sind 14. Einige von ihnen sind auch Mitglied im Verein, ein Muss ist das aber nicht.

In diesem Jahr besteht die Prominenz aus Kerwevadder Tom Galler, Mundschenk Tobias Flauaus und Souffleur Yannick Schwab: „Wir haben ein tolles Programm auf die Beine gestellt.“

Freitags öffnet der Rummel seine Tore – und das endlich wieder mit einem Autoscooter von Schausteller Markus Schneider, kündigt der Häuptling an.
Am Samstag geh es erst in den Gottesdienst und anschließend zum Feiern wieder „in die Hall“, die in Hähnlein an ein Zirkuszelt erinnert. Auch das ist eine lokale Spezialität, die 2011 wieder eingeführt wurde. Und fest dazu gehört auch das Kerwebläädsche, dass die Kerwejugend in den Tagen vor dem Fest bei einer Tour durch den Ort anbietet. Ein Extrablatt im Straßenverkauf. Für manche hat das Sammlerwert.

„Es funktioniert, weil alle Generationen zusammenarbeiten, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen“, so Udo Mehl. Die Hähnleiner machen ihr Ding und sind stolz darauf, dass sie ohne Sponsoren auskommen. Das bietet viele Freiheiten, auch wenn es stärker an den eigenen Kassen frisst. Auch in der Umgebung ist die Kerb eine Marke. Die Außenwirkung der Hejner ist positiv und sympathisch. Man läuft regelmäßig bei den Nachbarn in Rodau, Langwaden und Fehlheim auf und sorgt dafür, dass die Tradition nach außen wie innen weiterleben kann.